Eine Ohrenweide Vincenzo Maltempo spielt russische Klaviersonaten

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CD-Tipp vom 7.10.2018

Der dreiunddreißigjährige italienische Pianist Vincenzo Maltempo hat sich in einer neuen Edition einigen russischen Komponisten zugewandt, die zwar für die Musikgeschichte dieses Landes bedeutend sind, aber bisher so gut wie nicht ins pianistische Repertoire eingegangen sind. Klaviersonaten von Mili Alexejewitsch Balakirev, Alexander Glazunov und Viktor Kosenko, hat er ins Visier genommen, drei Komponisten, die im Zeitraum der späten Romantik bis hinein ins 20. Jahrhundert komponiert haben und hier und da auch bereits schon die ausgereizte Enharmonik mit dem Stachel der atonalen Möglichkeiten betäubt haben. Am wenigsten vielleicht Balakirev.

Berührend unvirtuose Perfektion

Seine 2. Klaviersonate op. 102, viersätzig, irgendwie konventionell. Aber sie hat dennoch etwas unkonventionelles: mit einer subtilen Leichtigkeit und Kammermusikalität schafft sie die sonst in russischer Klaviermusik obligate Vielfingerigkeit, also Klangdichte aus der Welt. Schon der Beginn des ersten Satzes verweist auf solche Art des bescheidenen zweihändigen Musizierens, das der italienische Pianist mit berührend unvirtuoser Perfektion und Klangschönheit zelebriert, als ströme aus Balakirevs Musik auch der Duft des impressionistischen Parfüms heraus. Zwar ist das beginnende Fugato alles andere als impressionistisch, aber die Art des Anschlagens verweist bereits auf das Danach. Denn da flirrt und rauscht, brilliert und zirpt das Instrument in allen Farben.

Perlender Anschlag

Vincento Maltempo beherrscht die Wechsel zwischen streng formaler Struktur und Farbenspiel auf wundersam schlichte, niemals pompöse Weise. Famos, wie er Balakirevs Entrücktheit pianistisch fasst. Die hochsensibel ausgehorchte, ganz natürliche Agogik, die singende, wie aus dem Mund geformten Melodien der rechten Hand und der perlende Anschlag sind sensationell perfekt und eine Ohrenweide.

Der 1898 in Peterburg geborene Komponist und Pianist Viktor Kosenko ist in Vincenzo Maltempos Edition der unbekannteste Russe. Er studierte bei Nicolai Sokolov, wurde schließlich Professor in Kiew und starb früh, mit 42 Jahren. Seine zweite Klaviersonate op. 14 erinnert insbesondere im dritten und letzten Satz Allegro vivo an die Musik Skriabins. Verdichtete harmonische Steigerungen heben hier momenthaft die Tonalität auf. In den Zwischenspielen gibt die Technik des Pedalisierens bitonale Momente frei. Wobei der Begriff „Zwischenspiel“ die komponierte Sache eigentlich eher verschleiert denn erhellt. Denn im Grunde ist der ganze Satz ein Zwischenspiel: ein improvisierendes Spiel mit harmonischen Radikalitäten und stoischen Blöcken, die wie Säulen dazwischen gestellt sind, um dem aufschäumenden Klangfluss Kontur zu verleihen.

Durchscheinend und permäabel

Vincenzo Maltempos Spiel wirkt kinderleicht. Alle technischen Schwierigkeiten werden durch seine Interpretation eliminiert. Trotz immenser Dichtegrade in den arpeggierenden Strukturen verklebt das Klangliche niemals die dramaturgischen Linien und musikalischen Entwicklungen. Alles bleibt durchscheinend und permäabel. „Piano Classics“ heißt das Label, in dem diese CD erschienen ist, eine Linie des besser bekannten Labels Brilliant Classics.

CD-Tipp vom 7.10.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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