Kolumne | Axel Brüggemann

Axel Brüggemann zu Valery Gergiev: Der Rauswurf in München kommt zu spät

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Axel Brüggemann

Das Ultimatum ist abgelaufen, der Dirigent Valery Gergiev hat sich nicht von Putin und seinem Krieg gegen die Ukraine distanziert. Nach Mailand, Wien, New York und Verbier folgt jetzt auch der Rausschmiss in München. Zu spät, meint unser SWR2 Kommentator Axel Brüggemann.

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Das war es also, um Mitternacht ist das Ultimatum verstrichen, das Münchens Bürgermeister Dieter Reiter dem Dirigenten Valery Gergiev gestellt hat: Entweder der russische Maestro distanziert sich von Putins Krieg gegen die Ukraine, oder er fliegt als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker raus. Nun hat Bürgermeistrer Reiter die Konsequenzen gezogen und Gergiev mit sofortiger Wirkung rausgeschmissen.

Zahlreiche verlorene Engegements: New York, Verbier, und Mailand

Seit der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter das Ultumatum gestellt hat, ist viel passiert. Die Wiener Philharmoniker haben sich spät, aber nicht zu spät – quasi in letzter Sekunde – von Gergiev als Dirigenten auf ihrer USA-Tour in der Carnegie-Hall getrennt. Die MET in New York hat Gergiev rausgeschmissen, und selbst das Verbier-Festival, das zum großen Teil von russischem Geld finanziert wird, trennte sich von seinem künstlerischen Leiter, Valery Gergiev.

Vor München hatten bereits Mailand und die Mailänder Scala dem Dirigenten ein Ultumatum gestellt. Und auch sein Agent, Marcus Felsner, hat Gergiev rausgeschmissen: unter Krokodilstränen.

Gergiev als politische Figur

Seien wir ehrlich: Gergiev war schon lange als Chef eines deutschen Orchesters nicht mehr haltbar. Dass er es nicht einmal für nötig hielt, auf Reiters Ultimatum zu antworten, ist der Schlusspunkt einer Ära, in der der Dirigent der Stadtpolitik auf der Nase herumgetanzt ist.

Er hat die homophonen Gesetze Putins unterstützt, die Annektion der Krim, und er hat im syrischen Palmyra für Assad gespielt. Jeder einzelne Punkt war ein Grund, ihn in München rauszuschmeißen. Ich selber habe über all diese Ausfälle berichtet und bei den Münchner Philharmonikern um Stellungnahme gebeten, und jedes Mal ließ Intendant Paul Müller die gleiche Antwort schicken: Das sei Gergievs Privatmeinung, die würde man nicht kommentieren.

Der Rauswurf kommt zu spät

Zu lange hat man in München aus Profitgier an Gergiev festgehalten. Gergiev hat sich für nichts entschuldigt, nichts gerade gerüttelt, keine Empathie gezeigt. Noch nie. Ihn jetzt rauszuwerfen – so wie Mailand, Verbier, New York und andere – ist spät, und für ein Deutsches Orchester vielleicht sogar: zu spät!

Es geht hier nicht um Ideologie, oder darum, Künstlerinnen oder Künstler einem Gesinnungstest zu unterziehen. Es geht um unsere Demokratie. Denn am Ende ist es so: Viele Gergievs machen einen Putin.  

Kultur #StandWithUkraine – Solidarität und Entsetzen der Kultur-Szene

Russlands Krieg gegen die Ukraine erschüttert die westliche Welt. Auch die internationale Kulturszene reagiert. Viele Künstler*innen und Institutionen bekunden ihre Solidarität mit der Ukraine, fordern aber auch, den Kontakt zur russischen Kulturszene aufrecht zu erhalten.

Gespräch Das Kernkraftwerk von Saporischschja und das Trauma von Tschernobyl

„Wir können im Grunde davon reden, dass die russischen Besatzer das Atomkraftwerk als Schutzschild und als Geisel verwenden“, sagt die Technikhistorikerin Anna Wendland bei SWR2. Die Expertin hat zur Reaktorsicherheit in der Ukraine habilitiert und kennt daher die Lage und Ausstattung sehr gut.
Das größte Atomkraftwerk Europas im Süden der Ukraine war in den vergangenen Tagen mehrfach mit Raketen beschossen worden. Dabei wurden Teile der Anlage beschädigt, ein Reaktor musste abgeschaltet werden. Russland und die Ukraine schieben sich dafür gegenseitig die Verantwortung zu. „Wir haben ziemlich viele Belege, dass die russische Armee aus der Nähe des Atomkraftwerkes die ukrainische Seite beschießt. Und sie tun das, weil sie wissen, es kommt keine Antwort, weil die Ukrainer nicht auf die Anlage in Saporischschja schießen“, erklärt Wendland die Grundkonstellation. „Dabei kam es auch zu Treffern in der des Standortzwischenlagers für abgebrannte Brennelemente und das ist natürlich besorgniserregend“, meint die Expertin.
Bisher habe es aber noch keinen gezielten Beschuss der Reaktoren geben, sondern Wendland vermutet hinter den Treffen sogenannte Blindgänger.

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Die Stadt Mariupol steht für den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Während der ukrainische Präsident sie „Herz des Krieges“ nennt, versucht die russische Propaganda, die Ukraine für das Leid der Bevölkerung verantwortlich zu machen. | Von Christine Hamel | (Produktion: BR 2022)

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Medizin Ukraine: So versorgt man versehrte Soldaten mit Prothesen

Bisher waren sie in der ukrainischen Gesellschaft nahezu unsichtbar: Amputierte und Menschen mit Behinderung. Doch durch den Krieg benötigen plötzlich Hunderte junger Soldaten Prothesen, um weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

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Gespräch Somalia und die Weizen-Blockade aus der Ukraine – „Es braucht jetzt wirklich einen Kraftakt“

Durch die Blockade von Weizenexporten aus der Ukraine hat sich die Hungersnot in den Ländern am Horn von Afrika drastisch verschlimmert. Die Sprecherin von UNICEF Deutschland, Christine Kahmann, nennt die Lage in Somalia im Gespräch mit SWR2 „katastrophal“.
Das Land importiere über 90 Prozent seines Bedarfs an Weizen aus Russland und der Ukraine. Kahmann erläutert: „Viele Familien in Somalia können sich Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten.“ Dass ein erstes Frachtschiff mit einer Ladung Weizen aus einem ukrainischen Hafen auslaufen konnte, ist für die Expertin ein „Hoffnungsschimmer“. Es gelte aber: „Die Lage in Somalia lässt sich nicht einfach entschärfen. Es braucht jetzt wirklich einen Kraftakt.“
Doch sei der Nothilfeaufruf von UNICEF und anderen Hilfsorganisationen bisher „drastisch unterfinanziert“. Auch wenn die Welternährungsorganisation WHO für Somalia noch nicht offiziell eine Hungersnot ausgerufen habe, gelte: „Bereits jetzt sterben die Kinder – wir dürfen jetzt keine weitere Zeit verlieren.“
Christine Kahmann ist seit 2020 Pressesprecherin des UNICEF-Komitee Deutschland; sie hat zuvor für die Hilfsorganisation „Action against Hunger“ gearbeitet.

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Gespräch Sergii Rudenko – Selenskyj. Eine politische Biografie

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskji ist seit dem Überfall Putins ein Weltstar. Dabei war er im letzten Winter ziemlich angezählt. Seine Partei „Die Diener des Volkes“ war hervorgegangen aus einer Fernsehproduktionsfirma, deren Mitarbeiter auf einmal die Armee, den Geheimdienst und das Außenministerium leiteten. Erst der Überfall Putins machte aus Selenskji den Präsidenten, der Putin herausfordern konnte. Jetzt ist ein Buch auf Deutsch erschienen, das erzählt die ganze verworrene Geschichte des Machtwechsels in der Ukraine: Selenskji – eine politische Biographie. Wir sprechen mit dem Autor Sergii Rudenko.
Übersetzt von Beatrix Kersten, Jutta Lindekugel
Hanser Verlag, 224 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-446-27576-8

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