Glosse

Gordon Kampe: Unterschätzt die Kinder nicht!

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Gordon Kampe

Kinder sind Real-Time-Rezensenten! Was muss man tun, um eine Kinderoper zu komponieren? Gordon Kampe hat sinnvolle Tipps: Muten Sie den Kleinen etwas zu!

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Der Moment nach einer Uraufführung: Das eigene Stück ist gerade verklungen und man weiß noch nicht recht, ob Lorbeerkränze gereicht werden, Tomaten fliegen, oder man die professionelle Routine im Sinne eines „Danke, next please“ erwarten darf.

Das ist genauso aufregend wie schrecklich. Wenn man gelegentlich auch Musik für Kinder schreibt, dann potenziert sich die Gefahr des Herzkaspers um den Faktor Sechsundfünfzig.

Kinder sind die härtesten Kritiker

Politisch und pädagogisch korrekt müsste ich nun berichten, dass Kinder natürlich das beste Publikum der Welt sind. Die lieben Kleinen. Aber: Fakten, Fakten, Fakten, meine Damen und Herren! Kinder können garstig sein und sind als Publikum oft fast so schlimm wie Fachleute.

Vermutlich, weil sie Fachleute sind… Denn hier hilft es nix: Ich kann Kindern im Programmheft nichts erklären, um sie milde zu stimmen. „Mein Konzept ist, dem Prinzip der Langeweile einen neuen Höhepunkt hinzuzufügen!“ – das wird nichts bringen.

Noch bevor man Argumente aus der abgewetzten Suhrkamp-Bibliothek als Unterfütterung Fantasiesubstitut zu Rate gezogen hat, wird die Revolution im Publikum längst vollzogen sein.

Eine spontane Polonaise im Theater

Ich habe das als Zuschauer mal erlebt. Im Text sagte eine Rolle zur anderen: „Komm mit!“ Gefühlte 21.000 Kinder nahmen das persönlich und machten erst einmal eine viertelstündige Polonaise über die Bühne, wo sich subkutan eigentlich spektral-geräuschhafte Klangfelder der skordierten Bratsche an der Hörgrenze entfalten sollten. Kinder sind Realtime-Rezensenten.

Was also tun? Wenn Sie, was ich doch schwer hoffe, gerade auch eine Kinderoper schreiben, erlauben Sie mir ein paar Tipps – aus eigenem Fehlen geboren, sozusagen.

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Tipps für eine gelungene Kinderoper

Erstens: Schieben Sie Panik. Das ist mehr als angemessen. Zweitens: Üben Sie auf einem Kindergeburtstag, völligen Blödsinn zu erzählen. Auftritt von rechts: „Kinder, kennt ihr die Geschichte des Königs von Radieschen, der sich aus Versehen mit einem Bleistift anlegte?“

Drittens: Sollten Sie das überlebt haben, sind Sie bereit für Viertens: Streichen Sie das Wort „kindgerecht“ aus dem Hirn. Bewerfen Sie alle Menschen, die danach fragen, mit handwarmen Gummibärchen.

Man kann Kindern eine Menge zumuten

Ich glaube, man kann den Kindern – wenn man das Stück und nicht sich selbst ernst nimmt – eine ganze Menge zumuten. Ich habe heitere, traurige, melancholische und alberne Stücke geschrieben. Und ich glaube, dass mir jene Stellen, wenn ich so sagen darf, am besten gelungen sind, die mich zu einem jener Kinder auf einem Kindergeburtstag machten, die unbedingt wissen wollen, was denn nun aus dem König von Radieschen wird.

Und schließlich hilft nur die Mut- und Feuerprobe. Egal wo Sie gerade sind: breiten Sie Ihre Arme aus, als hielten Sie unvermittelt etwas wahnsinnig Schweres in den Händen und rufen Sie laut und deutlich: „Ich habe einen riesigen Fisch gefangen!“ Wenn Ihre Kolleginnen und Kollegen – oder wer auch immer – nun zustimmend nicken, dann sind Sie bereit für ein eigenes Stück. Nur Mut!

Glosse Wie man Komponist und glücklich dabei wird: Ein Brief von Gordon Kampe

Gordon Kampe hat es geschafft. Er gehört zu den häufig aufgeführten Komponisten und hat eine Professur für Komposition in Hamburg. Aber der berufliche Alltag eines Komponisten kann sehr prosaisch sein, erklärt er mit humorvollem Blick auf die Branche. Misserfolge sind an der Tagesordnung und romantische Vorstellungen von einem Leben für die Kunst völlig deplatziert.  mehr...

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