Brüggemanns Klassikkommentar

Ungerechte Entlohnung für Künstler: Streamingdienste wie Spotify und co. brauchen Regeln

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AUTOR/IN
Axel Brüggemann

Kaum noch jemand kauft heutzutage CDs, Streaming ist einfach viel komfortabler. Pro Klick verdienen Künstlerinnen und Künstler allerdings nur 0,0034 Cent. Einen Lebensunterhalt können damit die allerwenigsten bestreiten. In Deutschland bedürfe es deshalb Regeln, kommentiert Axel Brüggemann. Die USA machen es vor.

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Die CD – eine unsinnliche Erfindung

Vor fünf Jahren habe ich den Großteil meiner CD-Sammlung verkauft: Es waren tausende CDs, die einige Wandmeter in meiner Wohnung gefüllt haben. Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe das bis heute nicht bereut. Die CD war, finde ich, eine hauptsächlich unsinnliche Erfindung der Musikgeschichte – meine LPs habe ich indes behalten.

Heute streame ich, was ich hören will. Meine alten Musik-Wandmeter (und viele Kilometer mehr) stecken heute in meinem Handy – ich habe Abos bei verschiedenen Anbietern. Die Idee, dass einem die Musik, die man hört, gehören muss – veraltet.

Ungerechter Markt in Deutschland

Musikstreaming gehört bei vielen Menschen längst zum Alltag – und ist noch immer im Kommen. 45 Prozent der Deutschen streamen, bei den 14- bis 29-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 84 Prozent. Das zeigt eine aktuelle Studie, die von der GEMA in Auftrag gegeben wurde. Und noch etwas bringt sie zu Tage: Das Musik-Streaming ist in Deutschland ein weitgehend unkontrollierter und deshalb auch ungerechter Markt.

Hier einige Fakten: Etwas weniger als ein Drittel des Streaming-Umsatzes verbleibt bei den Streamingdiensten, rund 55 Prozent gehen an die Musiklabels sowie die Interpretinnen und Interpreten. Aber auch hier gibt es ein Ungleichgewicht: die Labels bekommen gut 42 Prozent, Musikerinnen und Musiker knapp 13 Prozent.

Major-Labels und Mega-Stars profitieren

Kein Wunder, dass das Streaming für Labels durchaus attraktiv ist. Spotify, Idagio oder Apple Music waren einst die perfekte Lösung gegen Raubkopien im Internet: eine Flatrate und alle Titel in den Fingerspitzen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Rentabel ist all das nur für Großanbieter, für Major-Labels (die auch noch mit Karajan und Callas abkassieren) oder für Mega-Stars.

Hier noch einige Zahlen: Täglich werden mehr als 60.000 Songs allein bei Spotify hochgeladen. Das macht rund 22 Millionen Tracks pro Jahr. Logisch, dass da nicht alle Stücke von allen Menschen gehört werden.

Die Zahlen sind ernüchternd: 800 Künstlerinnen und Künstler weltweit erhalten 20 Prozent aller Auszahlungen. Pro Klick bekommt man in Deutschland rund – Achtung – 0,0034 Cent. Es müssen also schon einige Klicks zusammenkommen.

Fakt ist: In Deutschland ist der Nachholbedarf in Sachen fairer Bezahlung beim Streaming besonders hoch.

Markt in den USA geregelter

In den USA legt ein unabhängiges „Copyright Royalty Board“ die Vergütungssätze für Urheberinnen und Urheber sowie für Verlage fest. Dabei richtet man sich nach den Gesamteinnahmen der Streaming-Dienste sowie den Erlösen der Musiklabels aus dem Musikstreaming. Regeln, die es bei uns (noch) nicht gibt.

Ein weiteres Problem: Viele Titel werden erst durch Playlists gefunden. Wir kennen das. Sagen wir: „Alexa, spiel Klassik“, überlassen wir einem undurchschaubaren Amazon-Algorithmus (und eventuell auch der Werbung von Klassik-Firmen), welche Klassik denn da nun erklingt: New-Classics, ein Album der Deutschen Grammophon oder von Sony … aber sicher nicht: ein Werk von Karlheinz Stockhausen. Auch hier gibt es: Nachholbedarf.

Musik-Streaming: Segen und Fluch

Musik-Streaming ist Segen und Fluch. Nie war es so leicht, so viel Musik zu hören wie heute. Und nie war das Musikhören so ungerecht wie beim Streamen.

Die GEMA macht in ihrer Studie klar, dass Deutschlands Musikerinnen und Musiker in großer Mehrheit sagen, dass sie das aktuelle Streaming-Modell als ungerecht empfinden.

Klar ist auch: Das Streaming lässt sich nicht mehr wegdenken, wird weiterwachsen. Umso wichtiger ist es, dass wir beginnen, es neu zu regulieren: fair, gemeinsam mit Hörenden, Kreativen und ihren Verlagen.

Ich weine meinen CDs keine Träne nach – aber ich möchte auch in Zukunft mit gutem Gewissen Musik hören.

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