Musikmarkt: Album-Tipp

Ukrainische Volkslieder im Album „Passion for Ukraine“

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AUTOR/IN
Thilo Braun

Das Volkslied hat in der Ukraine eine Jahrhunderte alte Tradition – außerhalb des Landes sind sie aber kaum bekannt. Die ukrainische Sängerin Lena Belkina will das ändern und hat daher auf ihrem neuen Album „Passion for Ukraine“ gemeinsam mit Pianistin Violina Petrychenko eine persönliche Sammlung ukrainischer Lieder eingesungen. Was es darauf zu entdecken gibt, hat Thilo Braun herausgefunden.

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„Zarte Akazien atmen leise, wiegen sich leicht in der silbrigen Dämmerung“

Mit diesem schönen Bild beginnt das Gedicht „Sommernacht“ von Oleksandr Oles. Der ukrainische Komponist Gregory Alchevsky hat es um 1900 vertont – im Klaviervorspiel kann man sie rauschen hören, die silbrig-hellen Akazienbätter. Das lyrische Ich in dem Album möchte sich zwar auch so unbeschwert fühlen wie diese Akazienblätter – doch es wird gequält von bösen Erinnerungen.

87% Moll

Dramatische Gefühle und melancholische Klagen sind in der ukrainischen Volksliedtradition geradezu omnipräsent. Das zeigt sie symptomatisch, die neue CD von Sopranistin Lena Belkina und Pianistin Violina Petrychenko. Von 15 aufgenommenen Liedern stehen 13 in Moll.

Belkina hat eine persönliche Auswahl aufgenommen – jedes Lied ist verbunden mit bestimmten Lebenserinnerungen. „Passion for Ukraine“ hat sie ihr Album genannt. Es ist Ausdruck ihrer Heimatliebe – und zugleich der Versuch, die eigene ukrainische Identität besser zu begreifen.

Erinnerung aus der Jugend

Das „Abendlied“ von Kyrylo Stetsenko kennt Belkina aus ihrer Jugend. In den 90ern wurde es im ukrainischen Fernsehen gespielt, in einer Abendsendung für Kinder. Es ist das friedlichste Lied auf dem Album – doch selbst hier gibt es eine tragische Note.

Liebe Sonne, bist du müde? Bist du wütend? Wieso musst du dich schon schlafen legen und uns zurücklassen mit der Dunkelheit? So fragt das lyrische Ich. Immer wieder taucht sie in den Liedern auf – diese starke Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit. Man kann das heute nicht hören, ohne dabei an den russischen Angriffskrieg zu denken.

Distanz zu Russland

Es ist gerade einmal zwei Jahren her, dass Lena Belkina noch ein Album mit russischen Liedern eingesungen hat, damals gemeinsam mit einer Pianistin aus Moskau. Belkina hat diese Aufnahme mittlerweile von ihrer Website gelöscht – sie möchte scheinbar jede Verbindung zu Russland meiden. Dabei ist russisch ihre Muttersprache.

Und selbst wenn sämtliche Lieder auf dem neuen Album in ukrainischer Sprache stehen – die Nähe zu Russland bleibt spürbar. In einem Lied etwa wird vom herzförmigen Kern einer Viburnum-Blume gesungen: „Kalyna“ genannt. „Kalinka“ – so heißt ein bekanntes russisches Volkslied – die Metapher der Viburnum-Blume als Liebessymbol ist in beiden Kulturen verbreitet.

Zerrissenheit in der Musik

Zugleich erinnern viele Lieder in ihrer sehnsüchtigen Natur-Metaphorik an die Bilderwelt deutscher Romantiker. Diese Mischung ist faszinierend, denn die ukrainischen Lieder scheinen Einflüsse aus beiden Welten in sich zu tragen. Aus Ost und West, Europa und Asien – daraus entsteht etwas unverkennbar Eigenes. Ob dieses „dazwischen“ auch der Grund ist für das omnipräsente Gefühl der Zerrissenheit in dieser Musik?

Auffällig ist jedenfalls, wie häufig in den buntesten Farben die Schönheit der Welt besungen wird, um sie im Anschluss dramatisch zu brechen – an einer unbarmherzigen Realität. Auf eindrucksvolle Weise geschieht das etwa im Lied „Die letzten Blumen“ von Mykhailo Zherbin. Es erzählt von roten Rosen, die vernichtet werden durch todbringenden Frost in der Nacht.

„Rote Rosen werden schwarz, als ob das Blut in den Wunden trocknet“

Dieser Satz, schreibt Belkina im Booklet, sei für sie eine Metapher für den Preis, den die Ukraine momentan im Verteidigungskrieg zahlen müsse.

Mit einer bitteren Klage über diesen sinnlosen und brutalen Krieg beendet  Belkina dann auch ihr Album. Sie singt ein „Agnus Dei“ aus einem „Requiem für Mariupol“. Ilia Razumeiko hat es erst im Juli dieses Jahres komponiert.

Verstehen durch Musik

Das „Agnus Dei“ bildet den erschütternden Höhepunkt eines Albums, das insgesamt ebenso fasziniert wie verstört. Denn obwohl die ukrainischen Texte für die meisten Hörer kaum verständlich sein dürften, transportiert sich ihre Bedeutung doch emotional – Verletzbarkeit, Wut, Verzweiflung, Angst, Trauer, Kraft und Stolz. All das wird hörbar in der Stimme von Lena Belkina.

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Norbert Rodenkirchen ist im Vorstand des zamus und berichtet über die Beziehung zur Alten Musik in der Ukraine und über die Tätigkeiten der Musiker im Kriegsgebiet.

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