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Sänger*innen und Chöre warten auf verlässliche Einschätzungen des Infektionsrisikos beim Singen. Experimentellen Untersuchungen stehen dokumentierte Todesfälle nach Massenansteckungen im Choralltag entgegen - wie jetzt nach einer Chorprobe in den USA.

Chorsingen in Stockholm (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Alexander Farnsworth)
Sicher Singen in Stockholm: an der frischen Luft könnten Chorproben ungefährlicher sein. Alexander Farnsworth

Im US-Bundesstaat Washington ist ein weiterer Fall einer Massenansteckung bei einer Chorprobe dokumentiert. Nach einem Berich der US-Seuchenschutzbehörde Centers for Disease Control (CDC) wurden am 10. März bei einer 2,5-stündigen Probe des Skagit Valley Chorale von 61 Mitgliedern durch eine infizierte Person mutmaßlich 53 Personen angesteckt und erkrankten. Laut dem am 12. Mai veröffentlichten Bericht wurden von den Erkrankten drei ins Krankenhaus eingeliefert, zwei starben.

Dem Behördenbericht zufolge unterstreicht die Ansteckung der Chormitglieder durch einen "Superspreader" die Bedeutung der Kontaktvermeidung und die Gefahr von Versammlungen vieler Menschen in zu engen kleinen Räumen. Unklar bleibt aber der tatsächliche Ansteckungsweg während der Chorprobe. Demnach hat es bei der Probe die Möglichkeit gegeben, dass es durch zu engen Kontakt beim Sitzen, Stühlestapeln und Snacken zu Ansteckungen gekommen ist. Als andere Möglichkeit wird der Akt des Singens selbst in Betracht gezogen, bei dem durch die Emission von Aerosolen das Virus verbreitet wurde.

Vier Todesfälle in Amsterdam nach Johannes-Passion

Concertgebouw, Amsterdam (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Hans Zaglitsch)
Hier wurde am Sonntag, 8. März, die Johannes-Passion aufgeführt: Das Concertgebouw in Amsterdam Hans Zaglitsch

Am 9. Mai hatte die niederländische Tageszeitung "Trouw" über eine Masseninfektionen bei den Proben und der Aufführung von Bachs Johannes-Passion in Amsterdam berichtet. 4 Todesfälle und mehr als 100 erkrankte Chormitglieder waren die Folge. Demnach waren infolge des Passionskonzerts am 8. März 102 der 130 Laiensänger*innen des "Het Amsterdams Gemengd Koor" mit dem Coronavirus infiziert worden.
Ein 78-jähriges Chormitglied starb an den Folgen, zahlreiche andere entwickelten dem Zeitungsbericht zufolge schwere Krankheitsverläufe, unter ihnen auch der Dirigent Paul Valk und viele der Musiker*innen des begleitenden Orchesters. Drei Partner von Chormitgliedern starben ebenfalls an einer Covid-19-Erkankung.

Infektion schon während der Probenarbeit

Die Rekonstruktion der Infektionskette durch die "Trouw" ergab, dass sich schon zur Generalprobe am 7. März 15 Chormitglieder krank gemeldet hatten, am Konzert fehlten bereits 30 Sänger*innen. Nach dem Konzert erkrankten immer mehr Mitglieder und deren Angehörige, bevor die ersten Erkrankten positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Fünf Tage nach dem Konzert erfolgte auch in den Niederlanden der Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie.
Die Beerdigung ihres Chorkollegen und der drei Partner musste jeweils ohne Chorbegleitung stattfinden. Für ein geplantes Konzert des Chores im November überlegt der Chor nun Mozarts Requiem zu singen, um ihrem kollektiven Kummer Ausdruck zu verleihen.

Studie "Über Infektionsrisiken beim Chorsingen und Musizieren mit Blasinstrumenten"

Die Universität der Bundeswehr in München hatte am 8. Mai nach Experimenten mit Sänger*innen mitgeteilt, dass sie "eine Virusausbreitung über die beim Singen erzeugte Luftströmung" über eine Grenze von einem halben Meter hinaus für "äußerst unwahrscheinlich" hält und zu einem Mindestabstand von 1,5 Metern geraten. Die Wissenschaftlicher stellen in ihrer Studie aber klar: "Wenn besonders kontaktfreudige Menschen andere Chormitglieder mit Umarmung und Küsschen begrüßen, sich in der Pause angeregt unterhalten, (...) kann davon ausgegangen werden, dass dieses Sozialverhalten im Falle einer Infektion kritischer ist als das Singen selbst."

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