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So klingt Chaos: Haydns Schöpfung unter Hans-Christoph Rademann

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Christoph Vratz
Christoph Vratz (Foto: Pressestelle, Christoph Vratz)

Seit knapp zehn Jahren leitet Hans-Christoph Rademann die Internationale Bachakademie und die Gaechinger Cantorey in Stuttgart. Mit der hat er jetzt Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ veröffentlicht. Eine Aufnahme, „die von der genauen Lesart des Dirigenten lebt“, meint SWR2-Musikkritiker Christoph Vratz.

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So klingt Chaos

Aus der Sicht Joseph Haydns klingt Chaos gewaltig, laut und beklemmend still. Haydn hat die „Vorstellung des Chaos“ an den Beginn seines Oratoriums „Die Schöpfung“ gestellt. Langsam schält sich eine erste Struktur, eine erste Melodie heraus.

Hans-Christoph Rademann und die Gaechinger Cantorey beschönigen in ihrer neuen Aufnahme nichts. Es gelingt ihnen, die Pole dieser Musik so zu vereinen, dass man als Hörerin, als Hörer das Gefühl hat: Hier wird ein Tor aufgestoßen. Man muss nur hindurchgehen.

Dahinter wartet zunächst eine Erde „ohne Form und leer“, wie es im Text heißt. Dann hebt der Chor an – wie aus dem Nichts. Eindringlich zeichnen Rademann und sein Ensemble das Schweben von „Gottes Geist“ nach.

Über die Entstehung der Welt

Wenn es dann heißt: „Es werde Licht“, wird dieser Moment zu einer existenziellen Erfahrung: Aus der Ahnung wird überwältigende Gewissheit, das Dunkel wird durchbrochen: durch Helligkeit und – symbolisch – durch Erkenntnis.

Haydns Oratorium handelt, in Anlehnung an die Bibel, von der Entstehung der Welt. Und Rademann zeigt vor allem, was Haydn alles NICHT ist: er ist kein galanter Komponist, er ist nicht gemütlich oder altväterlich-zahnlos, er ist weder Idylliker noch Verharmloser.

Bei Haydn pulsiert das Leben in all seinen Facetten und ganz unmittelbar, man muss es nur hörbar machen. Und genau an diesem Punkt setzen die Gaechinger Cantorey und Rademann an. Wenn der Chor dazu auffordert, „Lobgesang erschallen“ zu lassen, wählt Haydn die denkbar trockenste musikalische Form: die Fuge. Gleichzeitig aber füllt er diese Form mit so viel Leben, Zuversicht und Freude, dass das spröde formale Gerüst dahinter verblasst.

Natürlicher, plastischer Klang

Bei Rademann klingt Haydn frei, frei von Dogmen und Ideologien der Aufführungspraxis. Frei von Verharmlosung und frei von Übertreibungen, auch bei der Wahl der Tempi. Dieser Haydn klingt wunderbar natürlich und plastisch.

Auch die drei Solisten tragen diesen Ansatz mit: der textfreundliche Tenor Julian Habermann als Uriel, Tobias Bernst als Raphael und Adam – mit einer Bassstimme, die nie die Schwärze eines Opernschurken besitzt; und Katharina Konradi. Ihre Sopranstimme leuchtet so hell und klar. Nahtlos verbindet sie Melodiebögen miteinander und baut ganz organisch die kleinen Verzierungen ein.

Schönheit und Harmonie

Nachdem Gott Tiere und Menschen erschaffen hat, erzählt der dritte Teil von Haydns Oratorium vom Leben im Garten Eden, von der Zeit vor dem Sündenfall, also von erfüllten, glücklichen Stunden. Musikalisch gesehen, sind damit auch die dramatischen Momente passé. Denn Haydn wechselt Gestus und Farben.

Hans-Christoph Rademann und sein Orchester fangen diesen Umschwung genau ein. Ihre Botschaft: In diesem Paradies mit dem neuerschaffenen Menschen dominieren Schönheit und Harmonie.

Viele Details

Gesteigert und zum großen Finale geführt wird diese Stimmung im Chor: „Singt dem Herren alle Stimmen!“. Wieder komponiert Haydn eine Fuge, Lobpreis paart sich mit Festlichkeit. Erneut bilden Chor und Orchester mit den drei Solisten eine Einheit.

Schlusspunkt einer Aufnahme, die von großer Geschlossenheit lebt und von der genauen Lesart des Dirigenten. Er legt viele Details frei und spiegelt den Geist dieser Musik: mit Prägnanz und natürlicher Wärme gleichermaßen.

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