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Der Jazz-Musiker Till Brönner hat den Schauspielerprotest #allesdichtmachen gegen die Corona-Politik der Bundesregierung in Schutz genommen.

ARD Radiofestival 2020 - Till Brönner (Foto: ard-foto s1, Patrice Brylla)
Der Trompeter Till Brönner beklagt das Ausmaß der Kritik an #allesdichtmachen. ard-foto s1 Patrice Brylla

"Man kann Menschen wie Ulrich Tukur oder Jan-Josef Liefers nicht unterstellen, dass sie alle abgedriftet sind, sondern darf durchaus neugierig sein, warum gerade sie mit von der Partie waren", sagte der Trompeter und Komponist Till Brönner der Deutschen Presse-Agentur.

"Absurder Verdacht" der Verhöhnung der Corona-Toten

Die Kritik an den satirisch gemeinten Clips habe ein Ausmaß angenommen, "das menschlich erschrecken muss und nicht mal vor Morddrohungen zurückschreckte." Dabei sei eine Debatte über die Frage, was 50 unzweifelhaft demokratische Künstler sagen wollten, hinter dem "absurden Verdacht" der Verhöhnung der Corona-Toten in den Hintergrund geraten.

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"Für demokratische Grautöne war aber offenbar kein Platz mehr und die Clips allein blieben die Pointe auch ein wenig schuldig, wenn wir ehrlich sind", sagte Brönner, der am 6. Mai 50 Jahre alt wird.

Unter dem Motto #allesdichtmachen hatten Dutzende Film- und Fernsehschauspieler mit ironisch-satirischen Clips die Corona-Politik der Bundesregierung kommentiert. Nach heftiger Kritik und teils Zustimmung aus dem rechten Lager distanzierten sich mehrere Teilnehmer mittlerweile von ihren Beiträgen.

Brönner kritisierte die Corona-Politik bereits 2020

Brönner hatte bereits im November 2020 ein längeres Video zur Misere der Kultur- und Veranstaltungsbranche gepostet. "Ich wurde ins Heute Journal und zu Anne Will eingeladen, wurde im Kulturausschuss des Bundestags als Sachverständiger gehört. Der Erdrutsch für die Kultur blieb aber ganz klar aus", sagte Brönner.

Der Föderalismus habe ein Kommunikations- und Administrationsproblem, das vielen Kulturschaffenden in der freien Szene den Garaus gemacht habe. Auf Bundesebene seien zwar Hilfen bewilligt worden, aber die Auszahlung habe nicht funktioniert. Dies sei dem Ruf Deutschlands als Kulturnation nicht würdig. "Dabei bleibe ich", sagte Brönner.

Zum 50. Geburtstag Der Jazztrompeter Till Brönner im Gespräch

Als Barack Obama 2016 zum International Jazz Day der UNESCO ins Weiße Haus einlud, stand ein einziger Musiker aus dem deutschsprachigen Raum mit auf der Bühne: Till Brönner. Der 1971 geborene Trompeter ist wohl der berühmteste unter den deutschen Jazzmusikern und der einzige, der beim ECHO bisher in allen drei Kategorien Jazz, Pop und Klassik abgeräumt hat.  mehr...

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Gespräch Dramatiker Konstantin Küspert: Fassungslos über den Zynismus von #allesdichtmachen

Er sei fassungslos, sagt der Dramatiker und Dramaturg Konstantin Küspert in SWR2 über Videos unter dem Hashtag #allesdichtmachen. Darin äußern sich 52 Schauspieler*innen ironisch zu angeblichen Übertreibungen bei der Corona-Pandemiebekämpfung, darunter Stars wie Jan Josef Liefers, Meret Becker und Volker Bruch.
Er könne nicht verstehen, so Küspert in SWR2, dass „diese Menschen, mit ihrer Prominenz und Reichweite, mit ihrem Vorbildcharakter für viele andere Menschen“ ihren „Zynismus“ auspackten, „weil es ihnen so schlecht geht“.
„Selbstverständlich geht es uns beschissen“, sagt Küspert drastisch, gerade für die Theaterszene und freie Künstlerinnen und Künstler. „Selbstverständlich ist das eine entsetzliche Situation, wo wir auch dringend raus müssen, weil die Leute kein Geld mehr verdienen. Aber das geht nicht, indem wir Corona ignorieren“, so der Dramatiker, der lange am Badischen Staatstheater in Karlsruhe tätig war.
Konstantin Küspert: „Ich will nicht Theater machen um den Preis, dass Leute sterben. Und diese Leute, die die ganzen Videos gemacht haben, sind mutmaßlich ja nun keine Menschen, die unmittelbar existenziell bedroht sind.“
Gerade Tatort-Star Jan Josef Liefers rede Querdenkern das Wort, „indem er sagt, dass die Presse gleichgeschaltet sei, dass es keinen wissenschaftlichen Konsens gebe zu Corona.“ Konstantin Küspert: „Er sagt, dass nur einige wüssten, was gut für uns wäre – und dann wirklich mit dieser unangebrachten, ekelhaften Ironie, eigentlich Zynismus, indem er sich über die Werte anderer Menschen lustig macht.“
Als einzige der beteiligten Schauspielerinnen hat sich Heike Makatsch inzwischen von der Aktion #allesdichtmachen distanziert und ihr Video löschen lassen.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Gesellschaft Regisseur Dietrich Brüggemann hat sich #allesdichtmachen ausgedacht

Hinter #allesdichtmachen steht maßgeblich Dietrich Brüggemann, Regisseur und Drehbuchautor, angesehen und gut vernetzt in der deutschen Film- und Fernsehbranche. Mit einigen der „#allesdichtmachen“-Schauspieler*innen hat er Filme gedreht, Richy Müller und Ulrich Tukur spielten Hauptrollen in seinen „Tatort“-Produktionen.  mehr...

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