Kolumne

Axel Brüggemann: Die deutsche Stadttheater-Kultur ist in Gefahr

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Axel Brüggemann

Wie sieht die Zukunft unserer zahlreichen deutschen Stadttheater aus? Es gibt Grund zur Sorge. Techniker*innen werden händeringend gesucht, wirklich attraktive Verträge kann man ihnen aber nicht bieten. Und auch die Chefposten, die der Intendant*innen, sind nicht immer begehrt. Der Beruf ist immer komplexer geworden, Axel Brüggemann mit einer Bestandsaufnahme.

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Fachkräftemangel hinter den Kulissen

So sehr die Welt auch Kopf steht – man vergisst, wie nahe das Gute zuweilen liegt. Zum Beispiel die deutschen Stadttheater. Rund 140 Häuser, die vor Ort Kultur garantieren. Das ist weltweit einmalig. Und: Diese Struktur ist in Gefahr.

Das Problem heißt: Fachkräftemangel. Bedeutet: Unsere Theater finden keine Beleuchterinnen und Beleuchter mehr, keine Technikerinnen und keine Techniker, keine Werkstattleiterinnen und Werkstattleiter – 50 Prozent aller Meister müssen die Betriebe in den nächsten 10 Jahren verlassen. Aber keiner rückt nach. Es scheint aussichtslos die rund 2.500 Stellen, die bis 2030 frei werden, neu zu besetzen. 

Strukturelle Probleme

Die Gründe dafür sind zum großen Teil auch hausgemacht. Die Kulturpolitik hat unsere Theater jahrelang in einen Zustand gespart, in dem sie nicht leben und nicht sterben können. Es wurde verpasst, Deutschlands Theater zukunftsfähig zu machen.

Und das betrifft vor allen Dingen die Verträge: schwierige Arbeitszeiten, unflexibler Urlaub, allzeit erreichbar sein, spontane Planänderungen. Da werden Technikerinnen und Techniker in unseren großen Konzernen besser behandelt. Thyssen statt Theater und Osram statt Oper. 

Auch der alte Nimbus von Freiheit, Kreativität, Kollegialität und Spaß steht auf dem Spiel. und das wiederum liegt an den Theaterleiterinnen und Theaterleitern. Wenn man sich die Findungskommissionen in Deutschland anschaut, kommt man auf fünf Hände von Menschen, die in allen Gremien sitzen und alle Spitzenposten besetzen – in der Regel ebenfalls ohne auf moderne Führungsstrukturen zu achten.

Der Intendantenberuf ist komplexer geworden

In meinem Podcast „Alles klar, Klassik?“ war gerade der ehemalige Chef des Deutschen Bühnenvereins zu Gast: Marc Grandmontagne. Und der sagt: Der Intendantenberuf habe sich längst radikal geändert.

Es geht nicht mehr allein um eine künstlerische Vision, sondern um Verträge und Einnahmen und Arbeitsschutz, außerdem müssten Theaterintendanten sich heute um das Verhalten ihrer Mitarbeitenden kümmern, sich um #metoo und Führungsqualitäten, um Diversität und Vielfalt kümmern. Die meisten Intendanten seien dafür gar nicht ausgebildet. Und die dafür ausgebildeten würden nicht mehr kommen.

Regisseur*innen und Dirigent*innen ziehen die künstlerische Arbeit vor

Natürlich ist es für Barrie Kosky leichter, als Regisseur eingeladen und an einzelnen Aufführungen zu basteln als die Komische Oper in Berlin zu leiten. Ein Phänomen, das Manucho bei Chefdirigentinnen und Chefdirigenten beobachtet: Immer mehr von ihnen ziehen eine freie Karriere vor, stellen sich für Bruckners Vierte oder Beethovens Dritte als Gast vor ein motiviertes Orchester und ziehen dann weiter zum nächsten.

Sie haben keine Lust mehr, ihre Energie in den anstrengenden Tiefen der Lokalpolitik zu verlieren, sich in der Provinz aufzureiben und jeden Tag wieder um ihre Posten und die ihrer Musikerinnen und Musiker zu kämpfen.

Wir müssen unsere Stadttheater schützen

Wir müssen aufpassen, dass unsere Stadttheater nicht gerade heimlich vor die Hunde gehen! Es ist schön, dass der Bundes-Kulturhaushalt gerade erhöht wurde. In den Städten und Kommunen, die unsere Theater finanzieren sieht es anders aus: Wenn die Sparmaßnahmen auf Grund von Corona und des Krieges erst an die Basis durchschlagen, könnte es schon zu spät sein.

Unser weltweit einmaligeres Theatersystem braucht neue Verträge, neue Köpfe und vor allen Dingen: eine kulturpolitische Lobby – jetzt! 

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