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Über 30 Jahre trug sich Theodor W. Adorno mit dem Gedanken, ein Buch über Beethoven zu schreiben. Fertig geworden ist es allerdings nie. Überliefert sind lediglich Fragmente und Skizzen — und ein Rundfunkvortrag aus dem Jahr 1965, in dem Adorno einige „schöne Stellen“ aus Beethovens Musik bespricht. Seine große Wertschätzung wird in diesen wenigen Dokumenten allerdings klar erkennbar. Und das heißt bei Adorno schon etwas. Michael Rebhahn über die Beethoven-Begeisterung des wählerischen Philosophen.

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Musikalischster Philosoph des 20. Jahrhunderts

Theodor W. Adorno verstand etwas von Musik. Und zwar nicht in der Manier des „Kenners", der sich daneben meistens noch mit Wein und der Toskana auskennt, sondern er verstand wirklich etwas davon. Er hatte Musikwissenschaft in Frankfurt/Main und Komposition in Wien bei Alban Berg studiert. Und, auch wenn Ludwig Wittgenstein ein ziemlich guter Klarinettist gewesen sein soll, kommt der Ehrentitel „Musikalischster Philosoph des 20. Jahrhunderts" dann schon Adorno zu.

Wie das mit einer solchen Kompetenz fast zwangsläufig ist, gab es bei Adorno keine halben Sachen. Ihm wäre nie eingefallen, eine Musik oder einen Komponisten als „ganz okay" zu bezeichnen. Stattdessen: Daumen hoch oder Daumen runter; Adorno war definitiv ein Freund der klaren Ansage. Im unteren Bereich seiner Wertschätzungsskala begegnen wir z. B. Hindemith, Strawinsky oder Sibelius, während sich in den oberen Regionen etwa Gustav Mahler und die Komponisten der Zweiten Wiener Schule finden — und Beethoven.

Beethovens Musik als klingende Philosophie

Was Adorno an Beethovens Musik derart überragend findet, ist vor allem ihr „Erkenntnischarakter“, ihre „ästhetische Wahrheit“. Aber auch auf ganz unmittelbar in der Musik Greifbares bezieht sich seine Begeisterung. Adorno wäre aber nicht Adorno, wenn seine Beethoven-Begeisterung es dabei bewenden ließe, ihn als Visionär, als Romantiker avant la lettre herauszustellen. Nein — Adorno sieht in Beethovens Musik letztlich nichts weniger als klingende Philosophie. Ganz konkret: das dialektische Prinzip, wie es Hegel in der Phänomenologie des Geistes formuliert.

Diese „Relation" sieht Adorno in Beethovens Umgang mit der musikalischen Form, die er nicht bloß fülle, sondern auf die er mit seinem Komponieren „aufpralle". Und mehr noch: Beethovens Musik ist für ihn die Probe aufs Exempel, „dass das Ganze die Wahrheit ist". Das klingt kompliziert, ist es auch. Und es wird nicht unbedingt einfacher, wenn Adorno den Hörer*innen von Beethovens Musik das „spontane Bewusstsein der Nichtidentität von Ganzem und Teilen ebenso wie die Synthese, die beides vereint" ans Herz legt.

Hoffnung und Trost

Ein anderer Versuch: Zwei Begriffe, die in Adornos Beethoven-Fragmenten immer wieder auftauchen, sind Hoffnung und Trost. Vielleicht könnte man darüber auf den Weg zur Wahrheit in Beethovens Musik kommen?

„Die tröstlichen Stellen bei Beethoven, sind die, in denen [...] dennoch aufgeht, [...] mit einer Kraft, die es schwer macht zu glauben, was solche Stellen sagen, könne nicht die Wahrheit sein und unterliege der Relativität von Kunst als eine von Menschen gemachte."

Besser hätte ich’s auch nicht sagen können. Vielleicht noch ein kurzes Zitat aus den Beethoven-Skizzen, in dem Adorno einmal mehr deutlich macht, was er wie kein zweiter kann: In einem Satz eine ganze Welt eröffnen. „Man kann", sagt er, „nicht mehr wie Beethoven komponieren, aber man muss so denken, wie er komponierte".

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