Glosse

Gordon Kampe: Texte, Texte, Texte statt Musik – Ein Albtraum

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Gordon Kampe

Markus Lanz an der Gambe erweist sich als Traum, doch SWR2-Kolumnist Gordon Kampe war froh, mal keine Worte zu hören. Die Musik mal sprechen lassen und nicht immer nur texten, das ist ein weiterer Traum. Besonders schlimm ist das Texten für Drittmittelanträge: ein Albtraum, mit dem sich vor allem wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen rumschlagen müssen.

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Ein textloser Traum mit Markus Lanz in der Hauptrolle

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es ein schöner oder ein schrecklicher Traum war. Jedenfalls war ich, während im Fernsehen eine Talkshow lief, auf dem Sofa eingeschlafen – als mir Markus Lanz erschien! Er sagte kein Wort, grüßte nicht – griff wortlos nach einer Gambe und spielte los. Ah, dachte ich, als ich erwachte: keine Worte, keine Texte, nix. Herrlich!

Ich bin Komponist geworden, weil ich Musik schreiben wollte. Gefühlt 87,5% meiner Restlaufzeit, geht aber in die Produktion von Texten. Programmhefte etwa. Was habe ich schon mit den Augen gerollt, wenn ich wieder einen Erklärbärtext liefern musste. „In meinem Stück geht es um…“ Und so weiter.

Drittmitteldeutsch-Kompetenzen als Voraussetzung

Die Steigerung im Bereich des Erklärbärtums ist aber der Antragstext. Wenn Sie, liebe Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Unis im Sendebereich, gerade an der elften Verlängerung ihres Vertrages arbeiten, dann wissen Sie, was ich meine. Neben gelegentlicher fachlicher Expertise, bedarf es hier nämlich insbesondere der souveränen Beherrschung von Drittmitteldeutsch.

Drittmitteldeutsch ist eine Sprache, in der man sich mit sehr viel rhetorischem Schnedderedeng und geschickt platzierten Buzzwords an Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger heranwanzt.

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Die eigene Genialität auf ein Mittelmaß beschränken

Dabei muss man die eigene Genialität dezent aufs geforderte Mittelmaß reduzieren. Ich überspitze mal bissel: Ob so manches Projekt finanziert wird oder nicht, hängt nicht selten davon ab, wie virtuos Drittmitteldeutsch gesprochen wird.

Ich habe mir schon einmal vorgestellt, was Beethoven wohl in so einen Antrag geschrieben hätte. „Ich beginne mit einer Pause und dann kommen drei Achtel, gefolgt von einer halben Note. Ich wiederhole das dann, aber immer etwas anders. Ha!“ Außer der Neunten Sinfonie – die ist so schön konkret, mit Text und Politik und so – wären wohl alle anderen abgelehnt worden.

Ach, könnte man doch Anträge im Stile Franz Münteferings formulieren: „Text ist Mist. Stück wird gut!“ Es brächte so viel Zeit für die Kernkompetenz! Aber wir schreiben weiter Texte, Texte, Texte. Und ich träume derweil vom schweigenden Markus Lanz an seiner Gambe.

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