Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker verabschiedet sich Simon Rattle dirigiert Gustav Mahlers 6. Sinfonie

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CD-Tipp vom 02.12.2018

Simon Rattles Richtungswechsel

Ein Orchester zu neuen Spielweisen, zu einem neuen musikalischen Denken zu animieren, ist immer schwer. Am schwersten aber ist das bei den Berliner Philharmonikern, und jeder neue Chef kann davon ein Lied singen. Simon Rattle hat das geschafft in 16 Jahren in Berlin, er hat den Philharmonikern mehr Mut zum Abseitigen, Skurrilen beschert, eine größere stilistische Flexibilität, eine coolere Ausstrahlung, und nicht zuletzt hat er das Ganze geöffnet, durch die Digital Concert Hall, durch Lunch-Konzerte, Kino-Events und Education-Programme. Er hat also an der Außenwirkung gearbeitet, er hat die Zugangsschwellen gesenkt.

Anfang und Ende einer Ära

Sein Debüt bei den Philharmonikern gab Simon Rattle, mit der sechsten Sinfonie von Gustav Mahler – und zum Abschied in diesem Sommer hat er die Sechste noch einmal dirigiert. Anfang und Ende einer Ära, wenn man so will, eingerahmt in a-Moll und in eine Sinfonie, die wahrhaft katastrophische Zeiten heraufbeschwört: mit Riesenhammerschlägen, mit den typisch Mahlerschen Marschrhythmen und einem Herdenglockengeläut, das keine Idylle mehr kennt, sondern eigentlich nur mehr pure Ironie. Es ist schon faszinierend, wie Simon Rattle diese Versatzstücke modelliert und collagiert, kühlen Kopfes, hoch virtuos, so virtuos, dass die Musik darüber eine große Direktheit bekommt. Jeder Überbau fällt sozusagen weg, jeder spätromantische Überschuss wird getilgt, jede Bedeutungshuberei. Und das war, das ist im Grunde immer Rattles Stärke, das Aufgeklärte, Distanzierte, das dem Transzendieren von Musik in andere, „bessere“ Welten misstraut. Mahler kommt ihm da besonders entgegen, indem er die „bessere“ Welt der Musik mit so etwas Prosaischem wie der Wirklichkeit spickt und konfrontiert. Mahlers Sinfonie Nr. 6 a-Moll, so unanfechtbar haben die Berliner Philharmoniker in ihrer Geschichte wohl nie gespielt. Und das ist auch das Verdienst Simon Rattles, der diesen Sommer nach 16 Jahren freiwillig seinen Hut als Chefdirigent genommen hat.

Gemeinsames Wandeln auf des Messers Schneide

Und wie geht es dem Orchester mit diesem Abschied? Manche Philharmoniker sagen, Rattle sei eine Auster und sei es geblieben. Andere sagen, seine Verschlossenheit habe den Reiz der Arbeit erst ausgemacht: Die Vorstellung, die Austernschale würde sich eines Tages doch noch lupfen lassen und ihr Inneres preisgeben. Solche Momente hat es sicher gegeben, so ein gemeinsames Wandeln auf des Messers Schneide – und Rattles Interpretation der Sechsten Mahler gehört dazu. Jetzt neu zu haben ist die Sinfonie bei den Berliner Philharmonikern und ihrem hauseigenen Label.

CD-Tipp vom 02.12.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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