Sebastian Weigle dirigiert Richard Strauss' Rosenkavalier Sehr sehens- und hörenswert

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Exzellente Stimmen
"Die Zeit ist ein sonderbar Ding" – während die Figur der Marschallin im ersten Akt von Strauss' "Rosenkavalier" noch über diese Worte nachdenkt, hat die Sopranistin Renée Fleming bereits einen Entschluss gefasst: Es ist die Zeit gekommen, ihrer Paraderolle den Rücken zu kehren. Näheres dazu erfährt der Besitzer dieser DVD von ihr selbst im mitgelieferten Backstage-Film – wie auch das Booklet in englischer Sprache. Während der Umbaupause hat Tenor Matthew Polenzani einige der Hauptdarsteller dieser Produktion interviewt: Die 58-jährige Fleming erzählt, dass sie die Rolle der Marschallin schon 70 Mal gesungen und jetzt das Gefühl habe, diesen Charakter vollständig ausgeleuchtet zu haben. Für alle Fans der Sopranistin dürfte schon das allein diese Produktion zu einem "Must have" machen. – Es gibt aber noch andere Gründe, sich diese DVD zuzulegen, und der überzeugendste davon heißt Elīna Garanča. Mit sehr wandlungsfähigem Timbre, dazu jugendlich-leicht und leicht-sinnig verkörpert die lettische Mezzosopranistin Elīna Garanča die Figur des spitzbübischen 17-jährigen Grafen Octavian. Sie singt nicht nur mit nie nachlassender Energie, sie schauspielert auch mit Hingabe: ob in steife K. u. K-Uniform gehüllt oder als naives oder später aufreizendes Mariandl verkleidet. – Gerade das gilt aber auch für den mit großem wienerischen Komödiantentalent ausgestatteten Bass Günther Groissböck als Ochs von Lerchenau: Überheblich, stimmungsvoll, aber auch mit einer feinen Prise Selbstironie verkörpert Groissböck den Ochs von Lerchenau in dieser New Yorker "Rosenkavalier"-Produktion.

Keine besonders einfallsreiche Inszenierung
Regisseur Robert Carsen lässt sich bei seiner Inszenierung von dem Phänomen der Zeit leiten. Während er den ersten Akt in einem barocken Gold-Ambiente à la Wiener Hofburg spielen lässt, verlegt er den zweiten in ein modernistisch anmutendes Stadtpalais und den dritten Akt in das plüschige Ambiente eines zwielichtigen Etablissements der Zeit, in der die Uraufführung der Oper stattfand. Bei den Kostümen herrscht schließlich analog dazu eine Mischung aus Barock und der Mode der 1910er Jahre vor. Das ist nicht unbedingt besonders einfallsreich, aber erfüllt sicherlich die Erwartungen des US-amerikanischen Publikums nach keiner allzu abstrakten Szenerie.

Echter Straussscher Klangzauber vom Feinsten
Unter dem Strich ist es in erster Linie die musikalische Qualität, mit der dieser New Yorker "Rosenkavalier" bezaubern kann. Vor allem die Hauptrollen sind exzellent besetzt, aber auch die Nebenfiguren überzeugen fast alle auf ganzer Linie. Dazu kommt der feine, durchsichtige, vielschichtige und präzise geformte Klang des Orchester des Metropolitan Opera unter Leitung von Sebastian Weigle. Da gelingt echter Straussscher Klangzauber vom Feinsten! Eine sehr sehens- und vor allem hörenswerte Produktion, angereichert mit ein paar locker-flockig präsentierten Pausen-Plaudereien, die aber auch im besten Sinne informativ und unterhaltsam sind – wenn man des Englischen entsprechend mächtig ist.

DVD-Tipp vom 11.1.2018 aus der Sendung "SWR2 Cluster"

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