Kolumne | ARD-Themenwoche „Stadt.Land.Wandel“

Axel Brüggemann: Welt-Stadt-Land – eine fatale Schieflage für unsere Kulturnation

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Axel Brügemann

Unsere Kulturnation ist auf dem Prinzip der Reihenfolge „Land, Stadt, Welt“ aufgebaut. Also wer ganz nach oben will, muss erstmal klein anfangen. Doch mit klammen Kommunen funktioniert dieses ehrenwerte Prinzip nicht mehr und das Selbstverständnis der ganzen Kulturnation Deutschland bröckelt. Unser Kolumnist Axel Brüggemann kommentiert.

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Die klassiche Musik-Kultur ist nicht mehr selbstverständlich

Es ist leider alles nicht mehr so, wie es einmal war. Das spüren Kulturschaffende in diesen Tagen besonders. Ich komme gerade von der Konferenz der Generalmusikdirektor*inen. Die Dirigentinnen und Dirigenten haben darüber debattiert, dass Kultur – und ganz besonders die Musik – nicht mehr selbstverständlich scheinen — dass Bach, Beethoven und Brahms nicht mehr unbedingt Grundlage des guten (bürgerlichen) Tones sind. Ihr Lamento: Fehlende Bildungsangebote, zu wenig Musik an unseren Schulen, zu großes Konkurrenz-Angebot und dann auch noch Corona. 

Was tun? „Local first!“

„Was tun?“ – war die Frage. Und eine der wichtigsten Antworten der Musikdirektorinnen und Musikdirektoren war: „Local first!“. Nur, wer in Remscheid und Brunsbüttel, wer bei Festivals in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern das Publikum durch Nähe begeistert, hat überhaupt eine Chance, verlorenes Terrain wieder gut zu machen.

Nur, wer Musik im Alltag der Menschen behauptet und verankert, wer den Dialog sucht und Musik nicht als Einbahnstraße, sondern als Zuhören von beiden Seiten versteht, wer weiß, dass auch die Orchester ihr Ohr beim Publikum haben sollten, kann überzeugen.

Nur, wer zunächst den Nachbarn begeistert, kann auch Stuttgart, München und Berlin, kann Paris, London oder New York begeistern. Kultur öffnet Blicke und Ohren in die Welt – beginnt aber immer vor Ort. Und genau auf dieses Prinzip der Reihenfolge „Land, Stadt, Welt“ ist unsere Kulturnation aufgebaut.

Die kulturelle Freiheit der Kommunen

Im Artikel 28 unseres Grundgesetzes wird der kommunalen Kulturpolitik vollkommene Freiheit zugesichert: Kommunen können und sollen Bibliotheken und Archive, aber auch Museen, Musikschulen, Kulturorchester und Theater organisieren und finanzieren – zum Teil natürlich mit Unterstützung von Land und Bund!

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In klammen Kommunen zieht die Kultur meist den Kürzeren

Doch dieses ehrenwerte Modell funktioniert derzeit leider nicht mehr! In manch klammen Kommunen werden bis zu 40 Prozent der vorgesehenen Kulturgelder einfach nicht mehr gestemmt. Die Konsequenz: das Land als kulturelle Wüste! Wenn es um die Gretchenfrage von Schwimmbad oder Bibliothek, Kita oder Musikschule geht, zieht die Kultur meist den Kürzeren.

Ländern und Bund sind oft die Hände gebunden, weil sie sich nicht in die regionale Kulturorganisation einmischen dürfen. So ist eine fatale Schieflage entstanden, in der die – ebenfalls im Grundgesetz festgeschriebene – kulturelle Gleichheit der Lebensumstände zwischen Stadt und Land schon lange nicht mehr gegeben ist

Konsequenzen für die großen Orchester

Durch die finanzielle Kultur-Strukturschwäche des Landes leiden auch die städtischen Leuchttürme, die großen Orchester, Theater und Opernhäuser. Die Generalmusikdirektror*innen haben es erkannt: Das Selbstverständnis der Kulturnation wird nicht allein durch die Berliner Philharmoniker, das SWR Symphonieorchester oder die Münchner Staatsoper geprägt. 

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Die Wurzeln der Kulturnation Deutschland sind auf dem Land

Die Wurzeln der Kulturnation Deutschland liegen in den Musikschulen auf dem Land, etwa weil ein Großteil der Bläser-Gruppen in unseren Orchestern in Volksmusikgruppen ausgebildet wurden. Sie liegen in engagierten regionalen Kulturinstitutionen, dadurch, dass Festivals Top-Musiker*innen in Scheunen, Kirchen und Schul-Aulen bringen, um junge Nachwuchskünstler*innen zu inspirieren.

Wir sollten das Ländliche nicht im Stich lassen

Das Selbstverständnis der Kulturnation Deutschland bröckelt – und zwar besonders auf dem Land. Es braucht neue Strategien und vielleicht sogar eine neue Organisation der Geldströme, um regionale Kultur – besonders auf dem Land – zu stärken und zu finanzieren.

Die kulturelle Freiheit der deutschen Kommunen ist eine Grundlage unserer Kulturnation, umso wichtiger ist es, sie nicht zu unterwandern, indem wir das Ländliche im Stich lassen. Wir müssen es schaffen., die kulturelle Freiheit vor Ort durch finanzielle Sicherheit zu garantieren.  

ARD-Themenwoche vom 7. bis 13. November 2021 "Stadt.Land. Wandel – Wo ist die Zukunft zu Hause?"

Städteplanung und Mobilität, Digitalisierung und neue Arbeitswelten, Klima- und Strukturwandel: Wie sieht unser Leben in Zukunft aus? Unter dem Motto „Stadt.Land.Wandel – Wo ist die Zukunft zu Hause?“ beschäftigt sich die 16. ARD-Themenwoche mit der Veränderung und den Zukunftsperspektiven unserer Lebensverhältnisse. SWR2 beteiligt sich mit zahlreichen Beiträgen.  mehr...

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