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Sir Simon Rattle will deutscher Staatsbürger werden. Der Pass sei bereits beantragt, sagte der Wahl-Berliner am 15. Januar 2021 wenige Tage nach seiner Kür zum neuen Chefdirigenten des Symphonieorchesters und des Chores des Bayerischen Rundfunks (BRSO) in München.

Sir Simon Rattle, ehemaliger Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa/PA Wire | Matt Alexander)
Wie kein anderer stehe Simon Rattle für neue Wege, Menschen für Musik zu begeistern, so BR-Intendant Ulrich Wilhelm. Dies sei ein wichtiges Signal gerade in einer Zeit, in der die Kunst mit Einschränkungen durch die Pandemie zu kämpfen habe. picture alliance/dpa/PA Wire | Matt Alexander

Auch wenn er einen deutschen Pass bekommen soll, will Simon Rattle die britische Staatsbürgerschaft behalten. „Das wäre sonst emotional unmöglich", sagte der 65-Jährige. Bis Mitte 2023 bleibt Rattle als Musikdirektor beim London Symphony Orchestra (LSO), dann will er zur Konzertsaison 2023/2024 in München starten.

Der Wechsel nach München und der Brexit

Rattles Ankündigung, das Londoner Orchester in gut zweieinhalb Jahren zu verlassen und einen neuen Posten in München anzutreten, hatte die Klassikwelt in Großbritannien geschockt. Es gab Vermutungen, der Brexit könnte ein Grund dafür sein. Es wäre einfach, politische Erklärungen für seine Entscheidung zu finden, sagte Rattle. „Aber ich muss sagen, die Wahrheit ist, dass meine Entscheidung natürlich musikalischer Natur war, aber auch sehr persönlich."

Seine drei Kinder blühten auf, wenn beide Eltern zu Hause seien. Wohnen will er auch als Münchner Chefdirigent weiter in Berlin, wo er schon länger mit seiner Familie zu Hause ist. „Berlin ist meine Heimat", erklärte der 65-Jährige. Den Kontakt nach London will er aber nicht abreißen lassen. Bis zum Ende seiner Karriere wolle er jedes Jahr vier bis sechs Wochen mit dem Londoner Symphonieorchester arbeiten.

„The fact that musicians and artists in general suddenly have to get visas for Europe is absolutely not the Brexit bonus we were talking about”

Sir Simon Rattle, Dirigent

Ein bisschen Kritik an Großbritannien übte Rattle dann aber doch. Es sei nie einfach gewesen, in der britischen Kulturbranche zu sein. Aber jetzt sei es härter als sonst. Schwierig sei etwa die Tatsache, dass Künstler*innen wegen des Brexits nun Visa für Europa bräuchten. Das mache das Leben für Musiker*innen extrem schwierig. Brexit sei aber kein Ende, sondern ein Anfang, „der Anfang von Verhandlungen".

Lange Zeit Berliner Philharmoniker, dann London Symphony Orchestera, und nun wird Simon Rattle Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters

Am 11. Januar gab der Bayerische Rundfunk in München bekannt, dass Sir Simon Rattle der neue Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO) wird. Momentan ist der 65-Jährige noch Musikdirektor des London Symphony Orchestra. Sein Amt in München als Leiter des renommierten Orchesters samt Chor werde er zur Spielzeit 2023/2024 antreten. Der Vertrag läuft zunächst über fünf Jahre.

„Mit seiner Leidenschaft, mit seiner künstlerischen Vielseitigkeit und mit seinem einnehmenden Charisma wird er ein überaus würdiger Nachfolger von Mariss Janons sein"

BR-Intendant Ulrich Wilhelm

Der Brite hat viel Erfahrung mit deutschen Toporchestern, nicht nur, weil er beim BRSO schon des Öfteren am Dirigentenpult stand. Von 2002 bis 2018 war er bereits Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker. Im Jahr 2017 übernahm er dann den Posten in London.

Nun wird er also Nachfolger von Mariss Jansons, der seit 2003 an der Spitze des Ensembles gestanden hatte und am 1. Dezember 2019 im Alter von 76 Jahren gestorben war. Eine Ehre, wie es Rattle am Montag nannte. „Ich bin begeistert", erklärte er.

Eine lang erwartete Entscheidung

Die Entscheidung für Rattle kommt nicht überraschend. Dem Vernehmen nach soll er der Wunschkandidat von Jansons gewesen sein. Als nach dessen Tod die Nachfragedebatte aufkam, wurde Rattle schon recht bald als Anwärter gehandelt, ebenso wie der 45-jährige Kanadier Yannick Nézet-Séguin, derzeit unter anderem Musikchef der New Yorker Metropolitan Opera. Ins Spiel gebracht wurde in Medienberichten zudem der Österreicher Franz Welser-Möst (60), seit 2002 Musikdirektor des Cleveland Orchestra.

Dass es nun nach gut einem Jahr einen namhaften Nachfolger für Jansons gibt, war vor allem ein Anliegen von BR-Intendant Ulrich Wilhelm. Noch vor dem Ende seiner Amtszeit zum 31. Januar wollte er eine Entscheidung, allerdings nicht über das Orchester hinweg. Es gebe eine sehr enge Abstimmung mit den Mitgliedern des Symphonieorchesters, hatte Wilhelm immer betont. Allerdings hatte die Corona-Pandemie die Entscheidung verzögert. Reisebeschränkungen und der Ausfall von Konzerten erschwerten die Suche und die Gespräche mit Kandidaten.

Der Bau des Münchner Konzerthaus sorgt für Spannungen

Ein wichtiger Aspekt dürfte für einen künftigen Chefdirigenten auch das geplante neue Münchner Konzerthaus als Heimat des Orchesters sein. Jansons hatte sich stets dafür stark gemacht. Doch aus dem geplanten Baubeginn im Frühjahr 2018 wurde nichts. Seitdem wird immer noch geplant und angesichts der Corona-Krise auch nach Möglichkeiten gesucht, das Vorhaben günstiger zu gestalten. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bekennt sich jedoch weiter zu dem Prestigeprojekt.

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