CD-Tipp Raritäten eines Vergessenen: Klavierkammermusik von Sergej Tanejew

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Der Tschaikowsky-Schüler Sergej Tanejew ist als Komponist in Vergessenheit geraten – zu Unrecht, findet SWR-Musikredakteur Martin Roth. Er hat sich die soeben bei Brillant-Classics erschienene Aufnahme der Klavierkammermusik des russischen Komponisten angehört.

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Wer war der vielleicht wichtigste russische Kompositionslehrer überhaupt?

Knapp 10 Jahre nach Sergej Tanejews Tod steht in einem Konzertführer nachzulesen:

Aber es kam anders. Heute finden seine Vokalmusik, seine Sinfonien, seine Streichquartette oder eben auch seine Klavierkammermusik kaum noch den Weg in den Konzertsaal. Dabei waren die bedeutendsten russischen Komponisten wie Rachmaninow, Skrjabin oder Glière seine Schüler. Und Tanejew selbst gilt als größter Kontrapunktiker der russischen Musik.

Das kleinstbesetzte Klavier-Kammermusikwerk von Tanejew, seine Violinsonate, bildet den Auftakt auf der 3-CD-Box. Eingespielt wird die Sonate von dem italienischen Duo Daniela Cammarano (Violine) und Alessandro Deljavan (Klavier). Sie sind gewissermaßen der Kern dieser Produktion; zu ihnen gesellen sich noch der Cellist Andrea Agostinelli, der Bratscher Paolo Castellitto und der Geiger Daniele Orlando.

Tanejew hat zu jeder gängigen Klavierkammermusik-Besetzung seinen Beitrag geleistet – und zwar genau einen…. Violinsonate, Klaviertrio, Klavierquartett und Klavierquintett. Diese vier Werke aufzunehmen, das stellt sehr hohe Anforderungen an die Interpreten; außer der Violinsonate sind die drei anderen Kompositionen zwischen 40 und 50 Minuten lang.

Hochkomplexe Kammermusik

Extreme Tonlagen in allen, mindestens drei rhythmische Ebenen laufen parallel, obendrein durchziehen wildromantische Linien den Schluss des Klavierquintetts von Sergej Tanejew. Es gehört zu den letzten vollendeten Werken des russischen Komponisten.

Die technischen Herausforderungen der Stücke sind wirklich nicht zu unterschätzen – das hört man der Aufnahme leider gelegentlich auch an, nicht alles ist lupenrein sauber intoniert… trotzdem besticht die Einspielung des italienischen Ensembles durch seine nicht nachlassende Energie, seine Emphase, seine Durchhörbarkeit besonders in den sehr vertrackten und vielschichtigen Stellen. Tanejews Musik ist aber keineswegs nur kompliziert oder – wie Kritiker ihm immer vorgeworfen haben – akademisch trocken, nein, mitten im Gewühle können plötzlich wunderbar lyrische Passagen auftauchen.

Ich möchte Ihnen die Kammermusikwerke von Sergej Tanejew, dieses wichtigen, aber so in den Hintergrund geratenen russischen Komponisten sehr ans Herz legen: Es lohnt sich!

CD-Tipp vom 4.6.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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