Musikthema

Schöner Schein und brüchige Fassaden: Über die Musik und Musiker*innen in Katar

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AUTOR/IN
Marlene Küster

Die Welt des schönen Scheins ist in Katar allgegenwärtig – auch in den aufwendig produzierten Songs zur Fußball-Weltmeisterschaft. Wenn im schwerreichen Wüstenstaat der Ball rollt, werden gleichzeitig auch Menschenrechte mit Füßen getreten. Und kritische Stimmen sind nicht willkommen. Marlene Küster hat für SWR2 Kontakt aufgenommen zu Menschenrechtsorganisationen und mit Musikerinnen und Musikern gesprochen, die in Katar leben und arbeiten. Leicht war es für sie nicht, hinter die Kulissen zu blicken. Aber ihre Eindrücke zeigen, wie brüchig die Fassade eines Landes ist, das sich nach außen hin weltoffen und divers gibt.

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Fußball-WM Soundtrack

Der offizielle Soundtrack zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar stammt von Künstlern mit ganz unterschiedlicher Herkunft: von der Sängerin Aisha aus Katar, einer der bekanntesten Künstlerinnen des Landes, dem Solo-Künstler Davido, der in Nigeria aufgewachsen ist, und dem Popsänger Trinidad Cardona aus den USA. 

Mit ihrer WM-Hymne wollen die drei Künstler nicht nur die unterschiedlichen Kulturen vereinen, sondern auch Fußball-Fans aus der ganzen Welt – und das am besten vor Ort in Katar. So divers, so gut?

Song für das Land und die Fans

Über den paneuropäischen Fernsehsender Euronews mit Sitz in Lyon bin ich auf Anwar aufmerksam geworden, eine weitere Sängerin aus Katar. Auch sie beteiligt sich an der WM mit einem für die FIFA geschriebenen Song. Ich bekomme die Telefonnummer von Anwar und rufe sie an. Sie spricht nicht so gut Englisch, aber wir können uns kurz austauschen. Sie ist in Katar bekannt und singt schon von klein auf:

 „Mein Song ist für mein Land, aber auch für alle Fußballteams der Welt. Ich singe zusammen mit einem Musiker aus Argentinien, der den Song geschrieben hat. Vor kurzem haben wir ein Video dazu gedreht.“

Keine Menschenrechtsorganisationen in Katar

Je mehr ich über die Fußballweltmeisterschaft in Katar hörte, umso neugieriger wurde ich. Was spielt sich eigentlich hinter der glitzernden Fassade der Fußball-WM ab? Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Medica Mondiale und Terre des Femmes gaben mir zu verstehen, dass es in Katar keine vergleichbaren Institutionen gebe, die sich dort für Menschenrechte einsetzen.

Die Organisation Human Rights Watch in Deutschland leitete mich an ihren Kollegen Michael Page in New York weiter. Wir verabreden uns zu einem kurzen Interview am Telefon. Auf meine Frage, ob er Organisationen in Katar kenne, die sich für Menschenrechte einsetzen, antwortet er:

 „In Katar gibt es keine regierungsunabhängige Organisation, die sich mit Menschenrechten beschäftigt. [...] Unabhängige Medien fehlen, für ganz wenige Journalisten sind Menschrechte ein Thema. Die Möglichkeiten an Informationen zu gelangen sind wirklich begrenzt.“

Gibt es Musikerinnen in Katar, die das Regime kritisieren?

Wie kann ich mehr über Katar erfahren? Die Sängerin Tania Saleh aus Beirut kam mir in den Sinn – eine gute Freundin, die ich durch meine Arbeit seit zehn Jahren kenne. Tania ist geschieden, alleinerziehend und mit ihren Liedern eine kritische Zeitzeugin, nicht nur mit Blick auf die politische Lage ihres Heimatlandes, den Libanon.

Tania ist damit einverstanden, dass ich mich mit ihr über Katar unterhalten möchte. Wir verabreden uns zu einem Zoom-Interview. Die arabischen Länder sind ihr vertraut. Im Libanon ist sie zwar geboren und aufgewachsen, aber sie ist in vielen arabischen Nachbarländern unterwegs und gibt dort Konzerte. Ich frage sie: Glaubst du, es gibt in Katar Musikerinnen, die das Regime kritisieren: 

 „In Katar? Sängerinnen und Songschreiberinnen? Ich habe noch nie von solchen Künstlerinnen gehört. Ich glaube nicht, dass du solche kritischen Stimmen dort findest. Schon allein für das Philharmonische Orchester in Katar wurden fast alle Musiker aus der ganzen Welt „importiert“. Eines aber ist sicher, die traditionelle katarische Musik ist fantastisch, aber es ist keine zeitgenössische Musik. Sie haben tolle Rhythmen mit Händeklatschen.“ lautet die Antwort.

Zur Demo- und Geografie

Katar hat etwa 2,7 Millionen Einwohner, davon sind nur rund 10 % Staatsangehörige Katars. Die Mehrheit der restlichen 90 % der Gesamtbevölkerung des Landes setzt sich zusammen aus Arbeitsmigranten ohne katarische Staatsbürgerschaft und ausländischen Fachleuten. Katar ist ein arabisches Land. Es liegt auf einer Halbinsel am Persischen Golf, deren Landschaft aus Wüste und einem langen Küstenabschnitt besteht. Pflanzen und Bäume sind alle künstlich angepflanzt.

Die Hauptstadt Doha befindet sich ebenfalls an der Küste. Sie ist für ihre futuristischen Wolkenkratzer und ihre hochmoderne Architektur bekannt. Katar wurde erst 1971 vollständig unabhängig vom Vereinigten Königreich. Seitdem wird der Staat durchgehend autoritär als absolute Monarchie regiert. Staatsreligion ist der Islam und die Scharia.

Fehlendes Know-how in Katar

Für Tania Saleh wäre es unvorstellbar, dort als Künstlerin zu leben, sagte sie mir:

„Ich bin eine emanzipierte Frau, die mit ihrer Kunst etwas erreichen will. Niemals könnte ich in Katar leben. Dort entstehen viele Orte für Kulturveranstaltungen. Als ich vor einigen Jahren in Doha ein Konzert in einem traumhaften, technisch sehr gut ausgestatteten Nationaltheater mit einem super Sound gab, machte ich so meine Erfahrungen. Wenn ich nicht selbst einen Tontechniker mitgehabt hätte, hätte ich überhaupt kein Konzert geben können. Niemand anders war vor Ort mit dem nötigen Know-how, der den Sound hätte bedienen können.“  

Frauen ohne Bürgerrechte

Immer wieder wird berichtet und kritisiert, wie die Rechte von Minderheiten und insbesondere die Rechte von Frauen tagtäglich verletzt werden. Frauen haben in Katar keine Bürgerrechte und können ohne einen Vormund – Vater, Bruder oder Ehemann – keinen Vertrag unterzeichnen und auch nicht verreisen. Sie müssen sich verschleiern und dürfen das Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen.

 „Kultur und Kunst spielen im Leben der Katarer in der Regel eine untergeordnete Rolle. Das wichtigste Buch ist für sie der Koran. Und sie sind vor allem vom Konsum beeinflusst. Die meisten haben kein Interesse an Konzerten, Ausstellungen oder Filmen.“

Vorwürfe nur Voruteile?

Tania hat einen guten Freund. Er stammt aus dem Libanon und heißt Mohamad Mchouk. Er ist Kunst-Kurator, lebt und arbeitet seit neun Jahren in Doha. Wie sieht er die Rolle der Frauen in Katar?

 „Viele von ihnen sind gut ausgebildet, oft besser als Männer. Sie haben hohe Posten in der Regierung, wie auch im privaten und öffentlichen Bereich. Es gibt meiner Meinung nach ziemlich viele Vorurteile. Man ist der Meinung, Frauen werden hier unterdrückt. Natürlich gibt es noch eine Menge zu tun für Frauen und die LGBTQ*-Gruppen. Aber auf jeden Fall wird daran gearbeitet.“ 

Brüchige Fassade

Einige Frauen in Katar mögen den Männern gleichgestellt sein. Das sind Einzelfälle, noch kann man lange nicht von Emanzipation sprechen. Und kritische Stimmen sind, wie ich erfahren habe, nicht willkommen. Katar ist ein junges Land: Der ganzen Welt will es zeigen, was es schon alles erreicht hat in den vergangenen Jahrzehnten.

Nach außen hin gibt sich Katar weltoffen, divers, perfekt. Wie in den aufwendig produzierten Songs für die Fußball-Weltmeisterschaft geht es um die Welt des schönen Scheins. Es war für mich nicht leicht, hinter die Kulissen zu blicken. Meine Eindrücke zeigen, wie brüchig die Fassade ist. „Alle Fußballstadien und Hotels sind bereit, alle warten nur noch auf die Fußballfans“, sagt Mohamad Mchouk.

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