Buch-Tipp – 90. Geburtstag Glenn Gould

Sarah Ellis: So Glenn wie möglich

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AUTOR/IN
Dorothea Husslein

Am 25. September wäre Glenn Gould, einer der großartigsten und eigenwilligsten Pianisten 90. Jahre alt geworden. Zudem jährt sich nur wenige Tage später am 4. Oktober sein 40. Todestag. Geschrieben wurde über ihn viel, aber aus diesem Anlass hat die kanadische Autorin Sarah Ellis gemeinsam mit der Illustratorin Nancy Vo ein Bilderbuch für alle Generationen über die Kindheit dieses Ausnahmepianisten herausgebracht. Mehr über das Buch verrät Dorothea Hußlein.

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„Glenn mag es, Spaß zu haben. Er mag Wortspiele und Scherze, lustige Hüte und komische Stimmen, und er mag es, mit seinem Hund zusammen ein Duett zu spielen. Er singt den Kühen auf der Weide und den Elefanten im Tiergarten vor: Glenn mag es, Spaß zu haben, aber er mag es nicht, wenn andere gemobbt werden. Wenn Menschen sich auf Kosten anderer Lustig machen, weigert er sich, es auch zu tun.“

Das Leben Glenn Goulds erstmalig als Bilderbuch

Von Jugend an ist der kanadische Pianist Glenn Gould eine äußerst kreative Persönlichkeit. Und er sucht auf allen möglichen Wegen, ungeachtet seiner körperlichen und seelischen Hochempfindlichkeit, nach der absoluten Musik. Viel ist über Gould geschrieben worden, doch erstmals wird das Phänomen dieser Persönlichkeit jetzt in einem Bilderbuch erfasst.

Illustration, Glenn Gould mit seiner Mutter vor dem Radio (Foto: Pressestelle, © Nancy Vo | Verlag Freies Geistesleben)
Glenn Gould mit seiner Mutter vor dem Radio. Pressestelle © Nancy Vo | Verlag Freies Geistesleben Bild in Detailansicht öffnen
Der jugendliche Glenn Gould im Winter am Fluss. Pressestelle © Nancy Vo | Verlag Freies Geistesleben Bild in Detailansicht öffnen
Glenn Gould mit Hund auf dem Schlitten in einer Winterlandschaft. Pressestelle © Nancy Vo | Verlag Freies Geistesleben Bild in Detailansicht öffnen
Glenn Gould träumt im Unterricht. Pressestelle © Nancy Vo | Verlag Freies Geistesleben Bild in Detailansicht öffnen
Glenn Gould am Konzertflügel vor Publikum. Eine Szene, die nur im jungen Alter zu beobachten war. Pressestelle © Nancy Vo | Verlag Freies Geistesleben Bild in Detailansicht öffnen

Glenn Gould wird zu einem der glänzendsten und eigenwilligsten Pianisten, die es je gegeben hat. Doch wie entwickelt er sich zu diesem musikalischen Phänomen, das später die Welt mit seinem Klavierspiel, insbesondere mit seinen Bach-Einspielungen, so begeistert? Im Vordergrund steht in diesem Bilderbuch in kurzen Episoden, was Glenn mag und wogegen er eine Abneigung zeigt.

„Glenn mag die Natur – die Bäume im Nebel, die Bäume im Schnee, die Schatten, die sie werfen, aber … er mag nicht die Kälte. Er mag es, sich warm anzuziehen. Er trägt einen Mantel mit Schal, Mütze und Handschuhen, selbst im Sommer oder wenn er zum Strand geht.“

Rückzug in die Wärme und Stille

Lebenslang bleibt Gould der Kälte abgeneigt und trägt schwere Kleidung auch an warmen Orten. Details wie dieses haben sich Sahra Ellis und Nancy Vo aus seiner Biographie herausgepickt, um ihn mit seinen Eigenheiten und skurrilen Seiten zu skizzieren. Seine Haltung zur Musik und seine Unerbittlichkeit in qualitativen Fragen stehen im Mittelpunkt, aber weitere Informationen gibt es wenige. Beispielsweise werden Komponistennamen die ihm wichtig sind, nicht erwähnt. Dafür ist jedoch sein Verhältnis zum Publikum Thema in diesem Bilderbuch.

„Menschen sind ein Problem. Sie husten und niesen und schnäuzen sich. Viren! Sie flüstern und rascheln mit ihren Süßigkeiten. Lärm! Und dann klatschen sie. Nein! Glenn mag es nicht, wenn applaudiert wird. Er möchte, dass die Menschen nach der Musik still sind. Aber niemand möchte still sein. Sie wollen klatschen und mit den Füßen stampfen und ,Bravo!‘ rufen.“

All das führt fast zwangsläufig zur Abkehr vom öffentlichen Konzertleben und mit 31 Jahren beschließt Glenn, keine Konzerte mehr zu geben. Doch er findet eine Lösung: In einem leeren Saal spielt er Musik für ein Publikum, das gar nicht da ist.

Fortan konzentriert sich Glenn Gould auf Studioaufnahmen und andere Projekte. Denn im Dienst an der Musik war er sein ganzes Leben auch in verschiedenen anderen Kunstsparten sehr engagiert: er gestaltet Radio- und Fernsehsendungen, schreibt musikästhetische Texte, komponiert und dirigiert.

Eine gelungene Abwechslung für Gould-Fans und deren Kinder

Die großflächigen pastellfarbenen Bilder sind in Schwarz, Weiß, Grau und Gelb gehalten. Damit gelingt auf den 40 Seiten einfühlsam ein sowohl origineller wie eigenwilliger und durchaus vielschichtiger Blick auf die Persönlichkeit des großen kanadischen Pianisten, meinte Dorothea Husslein. Der fand einen Weg für sich, ganz er selbst zu sein, oder, wie es der Titel sagt, so Glenn wir möglich zu sein, von Jugend an bis zu seinem Entschluss, fortan nur noch im Tonstudio zu produzieren. Die vielfältigen aquarellierten Illustrationen zeigen Einsamkeit, Humor, Strenge, Akribie und Entschlossenheit. Wahrscheinlich können Fünfjährige dieses Bilderbuch nicht ohne Erläuterung verstehen, aber für Glenn Gould Fans ist es durchaus Mal etwas Anderes.

 „So Glenn wie möglich“, das Bilderbuch für alle Generationen von Autorin Sarah Elis und Illustratorin Nancy Vo ist im Verlag Freies Geistesleben Stuttgart zum Preis von 18,- Euro erschienen. Übersetzt aus dem Englischen von Jean-Claude Lin.

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