Brüggemanns Klassikwoche

Salzburg und Bayreuth: Der Festspielsommer bringt das Operngenre ins Wanken

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Wenn das Publikum euphorisch jubelt und man als Kritiker kurz an seinem Verstand zweifelt: Hat die Klassik noch ein objektives Koordinatensystem? Geht es um Superlative oder um die Musik und Kunst? Hat die Oper von heute noch genug zu bieten? Axel Brüggemann mit einer Festspiel-Sommer-Zwischenbilanz.

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Zähe Opernabende mit euphorischem Applaus

Kennen Sie das? Man sitzt in einer Oper – eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden. Es wird immer zäher, der Ärger immer größer, und irgendwann muss man sich zusammenreißen, um nicht laut dazwischen zu schreien: „Spielt endlich Mozart!“ oder einfach nur: „Boah ey! Ich kann nicht mehr!“

Als Kritiker beißt man sich natürlich auf die Zunge, man hat schließlich eine Pressekarte. Stattdessen überlegt man Formulierungen und denkt an Monaco Franze:  „Ein rechter Scheißdreck war’s. Altmodisch bis provinziell war’s. Des war’s!“

Und dann erklingt endlich die letzte Note. Und man traut seinen Ohren nicht: Applaus. Überall: Applaus. Bravo!Euphorie! Ja, ich gebe zu: das ist der Moment, wenn man kurz an seinem eigenen Verstand und vielleicht auch Kritiker-Urteil zu zweifeln beginnt.

„Don Giovanni“ bei den Salzburger Festspielen

Regisseur Romeo Castellucci hat den wohl teuersten und – das sage ich – belanglosesten „Don Giovanni“ der Festspielgeschichte aufs Parkett gelegt: Basketbälle, Kopierer, Klaviere und, ja, Autos rumsten aus dem Schürboden, dazu 140 halbnackte Damen – ja, eben: halbnackte – und zum Finale ein Lebemann, der mit zur Schau gestelltem Glied und weißer Farbe zur Hölle fuhr. Skandal oder ein bourgeoises Provokations-Einmaleins?

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Ein Tänzchen der Selbstgefälligkeit von Teodor Currentzis

Dirigent Teodor Currentzis hatte die Chuzpe, zu einer der wenigen vollkommen perfekt komponierten Opern noch ein bisschen (nein: ziemlich viel, nein: viel zu viel!) Accompagnato-Gedöns dazuzukomponieren und auf Mozarts Musik ein Tänzchen der Selbstgefälligkeit hinzulegen.

Das Lustige ist: ein Großteil des deutschen Feuilletons fand es auch fürchterlich, ein Großteil der österreichischen Presse war von dieser Ausstattungsorgie begeistert.

Haben wir eigentlich noch ein Koordinatensystem für die Klassik? Oder bewegen wir uns längst im subjektiven Meinungs-Nirwana? Also in einer Welt, in der auch die Kritik in erster Linie auf das Laute, das Spektakuläre, und die Superlative setzt?

Oksana Lyniv bei den Bayreuther Festspielen

Schauen wir zu den Bayreuther Festspielen: Bei der „Holländer“-Premiere war die Dirigentin Oksana Lyniv der Star – die erste Frau bei einer Bayreuth-Premiere. Und, ja, sie hat das gut gemacht. Ein wenig steif vielleicht, sehr verliebt in die Details, aber (noch – und das kann ja noch kommen) ohne großen Bogen und Atem.

All das muss man noch sagen dürfen, schließlich garantiert der Superlativ, die erste Frau in Bayreuth zu sein keine Unfehlbarkeit.

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Ist die Oper zum großen Zirkus geschrumpft?

Was erwarten wir eigentlich noch von der Oper? Ist sie zum großen Zirkus geschrumpft? Amüsement für ein Premieren-Klunker-Publikum, das direkt aus der Klatschpresse kommt? Lassen wir uns nur noch durch Superlative begeistern?

Durch „die erste Frau“, „die abgefahrenste Mozart-Frechheit“, die nacktesten Nackten oder die „spektakulärste Bühnen-Ausstattung“? Ist es das, wie Intendanten wie Markus Hinterhäuser in Salzburg derzeit ihre Programme machen: Skandal, Provokation oder eben: Anna Netrebko in „Tosca“?

Wir müssen eine grundlegende Frage beantworten

Hat die Oper nicht mehr zu bieten? Mehr Tiefe? Mehr Nähe zur und Glauben an Musik? Für mich eine wichtige Zwischenbilanz des Festspielsommers: Wir sollten uns mal wieder darüber unterhalten, warum wir das eigentlich alles machen, das mit der ganz großen Oper.

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