Eigens für Philippe Jaroussky komponierte Doppeloper auf DVD Exzellente Künstler

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DVD-Tipp vom 7.2.2018

Zeitgenössische Oper wird vielfach mit schrägen Klängen, unverständlichen Handlungen und seltsamen Besetzungen verbunden. Ist Kaija Saariahos „Only The Sound Remains“ also nur was für echte Neue-Musik-Nerds? Schon rein musikalisch geht es hörbar um einen sehr viel moderateren Ansatz. Überhaupt hat die Produktion den Erfolg beim Publikum fest im Blick: Eine der beiden Hauptrollen in der Doppeloper ist maßgeschneidert für den derzeit fast unangefochtenen Star der Countertenöre: Philippe Jaroussky.

Nicht nur wegen Jarousskys Engelsstimme wurde die Uraufführung in Amsterdam so ein großer Erfolg, dass jetzt die DVD dazu erschienen ist. Auch die Handlung macht’s: Sie trifft einen Nerv der Gegenwart: die westliche Suche nach fernöstlicher Spiritualität. Komponistin Kaija Saariaho und Regisseur Peter Sellars haben gemeinsam zwei Stücke der japanischen Kunstform des No-Theaters aus dem 14. Jahrhundert zu zwei Kurzopern verarbeitet. Gesungen wird auf Englisch. Und dass die beiden Stücke eigentlich nichts miteinander zu tun haben, stört überhaupt nicht. Denn es geht in beiden Fällen im Kern um etwas ganz Ursprüngliches: die menschliche Stimme. Zuletzt um die Seele eines Menschen, der in den Tod entschwindet. Am Ende erinnert dann nur noch der Klang der Stimme daran, dass da jemand gewesen ist: Only the sound remains ...

Kommentiert Regisseur Peter Sellars in einem Promovideo zur Inszenierung die Arbeit der Komponistin. Während Philippe Jarousskys Timbre also mit Hilfe technischer Mittel noch unirdischer wird, verkörpert dessen singender Partner das genaue Gegenteil. Der junge US-amerikanische Bariton Davóne Tines passt sowohl optisch als auch stimmlich perfekt in die Rolle des irdischen Menschen – mal als betender Zen-Mönch und mal als gieriger Fischer. So verbinden sich Dies- und Jenseits zu einem großen Ganzen: einander anziehend und sich gegenseitig abstoßend.

Zu hören gibt es im Orchestergraben neben einem Streichquartett, einer Querflöte, einem ausschweifenden Schlagwerk und einer finnischen Laute außerdem noch ein stimmlich hervorragendes Sängerquartett des Niederländischen Kammerchors. Das kommentiert in alt-griechischer Dramen-Manier die Handlung.

Die Musik passt, die Inszenierung passt, und doch hat diese DVD einen nicht unerheblichen Haken: die Bildregie. Sie lässt so selten einen Blick auf die gesamte Bühne zu, dass die Oper optisch teilweise leider etwas langatmig wird. Die Sänger und Instrumentalisten im Orchestergraben sind visuell praktisch nicht vorhanden, denn was der DVD-Zuschauer vor allem sieht, sind schweißüberströmte Gesichter und wackelnde Zäpfchen von Bariton und Countertenor in Nahaufnahme. Das regt nicht gerade zum künstlerischen Weiterdenken an … Dabei hat die Regieführung von Peter Sellars Hand und Fuß, ist tiefgründig und minimalistisch zugleich. Das beiliegende Booklet kommentiert allerdings die Arbeit des Regisseurs leider nur auf etwas umständliche Weise:

Ein ganz schön anstrengender Text, wenn man einfach nur Hintergrundinfos über die Oper erfahren will ... Und eben dieser kurze Artikel bleibt neben einer noch kürzeren Handlungszusammenfassung tatsächlich das einzige Zusatzmaterial für diese DVD. Keine Interviews, keine Berichte, nichts. Und die Promovideos der Oper Amsterdam sind nur im Internet zu finden, nicht aber auf der DVD selbst.

Musikalisch lohnt sich die Produktion schon allein wegen der exzellenten Künstler, und auch die sphärische Klangästhetik ist nicht nur etwas für eingefleischte Fans von zeitgenössischer Musik. Denn wer sich auf die kontemplative Atmosphäre einlässt, kann in den knapp eineinhalb Stunden mehr über japanische Spiritualität erfahren als in manchem Meditationsratgeber.

CD-Tipp vom 9.2.2018 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt – Neue CDs“

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