Biografie zum 100. Geburtstag des Komponisten Gottfried von Einem Komponist der Stunde null

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Buchkritik vom 24.1.2018

Ein Reißer wurde die Oper „Der Zerrissene“ nach einem Drama von Gottfried von Einems Landsmann Johann Nestroy nicht. Bei der Uraufführung 1964 an der Hamburgischen Staatsoper provozierte die Musiksprache dieser Oper nicht so wie erhofft – dafür war sie dann doch überraschend konventionell.

„Ein Schock in C-Dur“ – so fasst Biograf Joachim Reiber die Kritikerreaktionen auf Gottfried von Einems Philadelphia Symphony zusammen, die 1964 entstand. Die Neue Musik-Szene hatte von Einem zu diesem Zeitpunkt letztlich schon abgeschrieben.

Äußerlich gesehen entscheidet sich Biograf Joachim Reiber für eine gebräuchliche Erzählweise: Er nimmt die acht Opern Gottfried von Einems als Anlass, um Einems Lebensweg darzustellen. Allerdings weiß Reiber von Anfang an, dass Einems ungewöhnliche Biografie diese Erzählweise sprengen wird. Bei der Uraufführung von „Dantons Tod“ bei den Salzburger Festspielen 1947 war Gottfried von Einem 29 Jahre alt und hatte die NS-Zeit nicht weniger bewusst miterlebt als andere. „Dantons Tod“ nach dem resignativen Revolutionsstück von Georg Büchner war Einems Beitrag zum fatalistischen Grundgefühl der Kriegsverlierer.

Gottfried von Einem wird vom Autor immer stärker aus seiner Existenz als eloquenter und privilegierter, aber mittelmäßiger Komponist herausgeschält und als Beispiel für eine merkwürdig zwischen den Zeiten stehende Künstlergeneration beleuchtet. Joachim Reibers Pointe:

Man könnte es sich gleich denken: Um bei den von der Besatzungsmacht wiederinstallierten Salzburger Festspielen eine Uraufführung zu bekommen, mussten im Leben eines jungen Komponisten bereits vor 1945 entscheidende Dinge passiert sein. Das aber folgt in Reibers Buch mit brillanter Verzögerungstaktik viel später, im Zusammenhang mit von Einems Oper „Der Besuch der alten Dame“ nach Dürrenmatt. Diese Oper ist ein Versuch zur Bewältigung seiner Kindheit und Jugend als privilegierter Sprössling eines unbekannten Vaters und einer rätselhaften Mutter.

Mit Gottfried von Einems Mutter bringt die Biografie gegen Ende eine Figur zum Vorschein, die kein Kolportageroman besser erfinden könnte. Von Einem wuchs mit Hausmädchen und Privatlehrer in einem Haus mit 20 Zimmern auf, während Baronin Gerta Louise auf Reisen dunklen Geschäften nachging. Wie die steinreiche und intrigante Mutter nicht nur im NS-Staat ihre Fäden spann, sondern auch im Kulturbetrieb der Nachkriegszeit mitmischte, wäre eine eigene Untersuchung wert. Reiber lässt die Sehnsucht nach Wärme als Grundmotiv von Gottfried von Einems Leben aufscheinen. Sich damit die sinfonisch volltönende, rückwärtsgewandte Musik des alternden Komponisten in den 60er Jahren zu erklären oder auch nicht, überlässt der Biograf Joachim Reiber seinen Lesern. Ihm ist vor allem an einer psychologisch plausiblen Künstlerbiografie gelegen. Das Buch beleuchtet weit über die Person Gottfried von Einems hinaus Stimmungen und Gefühlslagen der deutschen und österreichischen Nachkriegszeit, differenziert und mit enormem Erkenntnisgewinn.

Buchkritik vom 24.1.2018 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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