220 Opern Breites Spektrum an Information und Wertung

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Buchkritik vom 17.1.2018

Zugegeben: Mozarts „Figaro“ gehört vielleicht nicht unbedingt zu den Werken, für die man zu einem Opernführer greift. Die große Handlung zumindest meint man gut genug zu kennen. Aber wie war das nun wirklich mit den komplizierten Beziehungen zwischen Figaro und Marzelline, Susanna und Basilio, Cherubino und Barberina? Will man diese Fragen zuverlässig – und nicht erst in letzter Minute im Opernhaus – beantworten, dann ist man bei Reclams Opernführer auf der sicheren Seite. Denn Herausgeber Rolf Fath macht schon im Vorwort deutlich, was er mit seinem Opernführer erreichen wollte:

Die Anordnung ist seit Jahrzehnten unverändert geblieben: zuerst ein kurze, klug zusammenfassende Biografie des Komponisten, dann eine detaillierte Inhaltsangabe und zuletzt das Wichtigste zu Entstehung, Musik und Wirkungsgeschichte. Enzyklopädische Vollständigkeit strebt der Autor nicht an, sondern ein Abbild der lebendigen Opernkultur hierzulande. Und die kann sich nach wie vor sehen lassen! Gut 220 Opern hat Fath besprochen, mehr als je zuvor. Insofern führt das Vorwort leicht in die Irre; denn der Hinweis, diverse Opernmumien seien nun endgültig gestrichen worden, findet sich bereits in der ersten von Fath betreuten Neuauflage von 1994, deren Vorwort fast unverändert übernommen wurde.

Die Neuzugänge speisen sich zum einen naturgemäß aus jenen Uraufführungen, die sich in den letzten Jahren in den Spielplänen behaupten konnten, wie etwa die erfolgreiche Tschechow-Vertonung „Drei Schwestern“ von Peter Eötvös, die 1998 in Lyon ihre Premiere erlebte. Des Weiteren finden sich hier zum ersten Mal Luigi Nonos „Intolleranza 1960“, Messiaens Franziskus-Oper „François d’Assise“ und György Ligetis grelle Opernsatire „Le Grand Macabre“. Auch das Kapitel zu Benjamin Britten ist deutlich erweitert worden, um Meisterwerke wie „Billy Budd“ und „Death in Venice“. Allzu knapp kommen dagegen die beiden deutschen Großmeister weg; von Wolfgang Rihm nur sein „Jakob Lenz“, von Aribert Reimann der „Lear“, das ist allzu dürftig. Einigermaßen blind ist Fath auf dem angelsächsischen Auge: Philip Glass und sein „Einstein on the Beach“ fehlt genauso wie John Adams’ „Nixon in China“ oder die viel diskutierte Kammeroper „Powder her Face“ des Briten Thomas Adès.

Die zweite Kategorie der Neuzugänge betrifft ältere Werke, die in den letzten Jahren für das Repertoire zurückgewonnen wurden. Erstaunlich auch hier die Bandbreite, die von Rossinis „Guillaume Tell“ über Verdis frühe Opern „Ernani“ und „Luisa Miller“ bis zu Humperdincks „Königskinder“ reicht, denen Fath eine geradezu enthusiastische Beurteilung widmet:

Die Neuausgabe wird von Reclam als „41., durchgesehene Auflage“ angezeigt. Beim Durchsehen ist es Autor und Verlag anscheinend entgangen, dass die Komponisten Grigori Frid und Hans Werner Henze beide seit 2012 nicht mehr leben. Und auch die Aktualisierung von wichtigen Aufführungsdaten lässt zu wünschen übrig – nicht nur beim Bayreuther „Parsifal“, der mit Christoph Schlingensiefs Produktion von 2005 endet. Allzu oft bleiben die Auflistungen in den 1990er Jahren stecken, wo mit wenig Aufwand markante Neuinszenierungen hätten ergänzt werden können – in Hinblick auf die schnell reagierende Internetkonkurrenz eigentlich eine unerlässliche Notwendigkeit. Denn ansonsten fallen Faths Werkkommentare immer wieder positiv durch ihr breites Spektrum an Information und Wertung auf; da bietet dieser Opernführer mehr als jede schnelle Internetrecherche. Besonders gut hat es der Autor mit Puccinis „Tosca“ gemeint: nicht weniger als fünf Seiten Kommentar, mehr als bei jeder anderen Oper. Nach dieser Lektüre geht der Leser besonders gut präpariert in die Aufführung.

Buchkritik vom 17.1.2018 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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