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Oper ist unrealistisch? Ja aber bitte doch! Für unseren Glossisten Gordon Kampe kann es auf der Bühne gar nicht absurd genug zugehen. Oper ist für ihn keine Gattung, sondern eine Haltung.

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Opernstoff nach der Pandemie

Die Spannung steigt. Wie wird die postpandemische Kunst und Kultur aussehen? Oft lese und höre ich, es dürfe nicht so weitergehen, wie zuvor. Stimmt. Jenseits von zu erwartenden Verteilungskämpfen fürchte ich allerdings, dass Corona auch künstlerisch der »Content« schlechthin in der Kunstproduktion der nächsten Jahre sein wird.

Wird es überhaupt noch neue Stücke geben können, die ohne Begriffe wie Corona, Distanz, hybrid und Internet auskommen? Ich hoffe es sehr. Nicht, um zu vergessen – aber: um dem Virus nachhaltig in den unsichtbaren Allerwertesten zu treten! Daher wird, Sie müssen nun sehr tapfer sein, es nur eines geben, was uns wieder auf Vordermann bringen kann: Die Oper!

Je wahnsinniger und unrealistischer, desto besser!

Oper ist keine Gattung. Oper ist eine Haltung. Je größer, wilder, wahnsinniger und unrealistischer: desto besser! Bitte teilen Sie mit mir in den verbleibenden zwei Minuten meine hemmungslose Begeisterung: Verdis Maskenball zum Beispiel!

Eine wunderbare Aufnahme aus der Mailänder Scala mit Maria Callas, Giuseppe di Stefano, Tito Gobbi – Antonino Votto dirigiert. Die Aufnahme aus dem Jahr 1957 kann man mastern und digitalisieren bis der Arzt kommt: revitalisieren muss man sie nicht. Die Stimmen, herrlich – ohnehin klar.

Keine cineastische Perfektion

Aber es klappert auch das Orchester gelegentlich und noch viel besser: man hört die Schlurf- Wurf- Schabegeräusche auf der Bühne, irgendwas fällt immer um. Damit ist eigentlich alles schon gesagt: Alles lebt, ist das schön!

Keine cineastische Perfektion, kein multimediales Spektakel. Menschen auf der Bühne, ein mittelgut riechender Vorhang, der schon die tollsten Dinge gesehen hat, knarzendes Bühnengeschehen.

Hört man die Hydraulik der Drehbühne? Ja! Macht nichts, sie ist da, soll sie mitsingen! Das Blättern im Souffleurkasten? Wunderbar, ein Mikro für den Kollegen: Ich will auf, unter und neben der Bühne leibhaftige Menschen von Fleisch und Blut

Sämtliche Emotionen gleichzeitig

Mein erstes bewusstes und prägendes Theatererlebnis, ist weit über 20 Jahre her. Ein Schauspieler auf der völlig leeren Bühne des Bochumer Prinz-Regent-Theaters spielt Dario Fos Geschichte einer Tigerin und hat nicht einmal eine Requisite. Wozu auch? Er hat eine Bühne, einen Raum, einen Text und sich. Das war ganz großer Oper!

Ich sehe es wie gestern vor mir. – Wenn sich Tosca über den toten Cavaradossi beugt, bin ich wirklich, wirklich völlig fertig. Und wenn, etwa in der Wiener Volksoper, die Offenbach'sche Unterwelt ihren Galop infernal tanzt, bin ich kaum zu halten, was ein herrlicher Spaß! Ich will Gesang und Tanz und weinen und lachen und all das möglichst gleichzeitig!

Oper ist Leben

Eine Oper ist und bleibt ein absurdes Ding. Befehle werden singend erteilt, über Politik im Duett verhandelt. Man tanzt um ein Grab, und Dolchstiche werden melodisch verabreicht – phantastisch! – Was das mit Corona zu tun hat? Gar nichts! Aber mit dem Leben hat es zu tun. Mit seinen Absurditäten, seinen Verrenkungen – mit der ganzen Saftigkeit unserer Existenz.

Ich will Rausch und Exzess – nicht um zu vergessen, sondern um zu erinnern. Natürlich bringt es Verdi bringt auf den Punkt: „Amor è palpito dell’ universo... ah...!“

Musik Bittszenen in der Oper

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Die erste größere Produktion im Bereich des Musiktheaters am Badischen Staatstheater in Karlsruhe ist ausgerechnet Franz Léhars Operette „Die lustige Witwe“: Da wird nämlich richtig Party gefeiert im Pariser Maxim – und das geht derzeit natürlich überhaupt nicht. So hat Regisseur Axel Köhler Léhars Meisteroperette an die Bedingungen angepasst. Ebenso spielt das Orchester in einer verkleinerten Salonbesetzung. Ein Abend gelungener Unterhaltung, nicht zuletzt auch über die Probleme der Gegenwart am Badischen Staatstheater.  mehr...

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