Kommentar

Protest in der Elbphilharmonie: „Letzte Generation“ am Dirigentenpult

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Hannah Schmidt
Hannah Schmidt (Foto: SWR)

Das Bündnis der Aktivist*innen der „Letzten Generation“ haben ein Konzert in der Elbphilharmonie gestört, indem sie sich am Dirigentenpult festklebten und eine emotionale Rede hielten. Wie so oft macht man sich nun lustig über sie – was bezeichnend ist.

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Letzte Generation unterbricht Beethoven

Es ist soweit: Aktivist*innen der „Letzten Generation“ bewerfen nun nicht mehr nur Gemälde mit Kartoffelbrei, sondern sie gehen mittlerweile ins Konzert. Am 23. November hat es Beethoven in der Elbphilharmonie erwischt – was könnte es Klassischeres geben!

Das einzige Violinkonzert des Komponisten, interpretiert von der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Tugan Sokhiev, Solistin war Julia Fischer. Eine gute Wahl: Programmatisch interessant ist dieses Konzert nun wirklich nicht, und gleichzeitig verspricht die Elbphilharmonie als Protestort eine große Reichweite. Man möchte unterstellen: Hier wussten Leute, was sie tun.

Aktivist*innen bleiben gelassen

In einem Video, das die Gruppe bei Twitter veröffentlichte, hört man das Publikum allerdings lautstark protestieren, als es versteht, was gerade auf der Bühne vor sich geht: Man hört genervtes Stöhnen und „Raus“-Rufe – die Aktivist*innen bleiben aber gelassen. Sie kleben sich am Dirigierpult fest und appellieren an die sie anschreiende Menge, ihren Protest gegen die allzu lasche Politik im Kampf gegen die Klimakatastrophe zu unterstützen.

Über die Reaktion des Publikums wundert man sich: Wie gerne brüstet man sich schließlich als Klassikliebhaber*in mit Beethoven, dem „Revolutionär“. Auf die Straße sei er gegangen, habe sich gegen menschliches Unrecht aufgelehnt, was für ein Mann, was für ein Künstler!

++ Festgeklebt bei Beethoven-Konzert ++ „Wollen wir wirklich unseren Kindern die Lebensgrundlage nehmen, weil es zu bequem ist etwas zu ändern?“ Genau wie es nur ein Violinkonzert von Beethoven gibt, haben wir nur diesen einen Planeten. #Elbphilharmonie https://t.co/d9AzeK8Je5

Foto der Aktion ging viral

Wenn man jedoch selbst an einem Mittwochabend im November gemütlich im Konzertsessel sitzt, möchte man bitte nicht gestört werden – erst recht nicht von einer Gruppe von Aktivist*innen, über die sich ohnehin schon vielfach lustig gemacht wird.

Auch bei dieser Aktion dauerte es nicht lang, und ein Foto der beiden Protestierenden ging viral: Festgeklebt an der Stange des Dirigierpults stehen sie da draußen vor dem Konzertsaal und schauen ernst in die Kamera. Dass die Stange nicht fest verschraubt ist, hätte man ja wissen können, sagen die, die jetzt mit dem Finger auf sie zeigen und höhnisch grinsen.

Fallhöhe ist groß

Das hat natürlich System. Ausgerechnet bei den Aktionen dieser Gruppe war diese Form der „Kritik“ von Anfang an dominant: Anstatt sich ernsthaft mit den Forderungen der „Letzten Generation“ auseinander zu setzen, suchte man nach Anhaltspunkten, die Gruppe und ihre Art des Protests klein und lächerlich aussehen zu lassen.

Die Fallhöhe ist schließlich groß: Da sind auf der einen Seite die „Geniestreichs“ der europäischen Hochkultur – und auf der anderen Seite unartige junge Menschen, die für ihre Rechte aufstehen. Das eine steht für die intellektuelle und künstlerische Vollendung menschlicher Fähigkeiten, das andere für naive Stümperei.

Dirigent schreitet ein

Die Verfechter*innen der „Kunst“ fahren ihr gesamtes Repertoire an Hohn und Überheblichkeit auf, als hätte man sie persönlich mit Brei beworfen – man nennt das derailing: vom Thema ablenken und die Diskurshoheit wieder an sich reißen.

Ein Glück, dass Dirigent Tugan Sokhiev einschritt und das Publikum darum bat, doch bitte Respekt zu zeigen und zuzuhören.

Was die „Letzte Generation“ mit ihren Aktionen mustergültig zeigt, ist schließlich vor allem eines: Die deutsche Dominanzgesellschaft setzt am liebsten dann Zeichen und wird aktiv, wenn sie selbst keinen Schritt aus der eigenen Komfortzone raus muss. Solange wir bei dieser Attitüde bleiben, wird sich jedoch nichts verändern – und früher oder später steht die Elbphilharmonie dann wirklich unter Wasser.

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