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Nachdem Opernstar Plácido Domingo sich für seine sexuellen Übergriffe entschuldigt hat, gilt in Berlin nicht mehr die Unschuldsvermutung. Seine Auftritte wurden nun abgesagt.

Placido Domingo Staatsoper Unter den Linden (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Thomas Bartilla/Geisler-Fotopress)
Sein letzter Schlussapplaus? Plácido Domingo nach der Aufführung von 'La Traviata' in der Staatsoper Unter den Linden im Januar 2020 Thomas Bartilla/Geisler-Fotopress

Die Deutsche Oper Berlin hat geplante Auftritte des Starsängers Plácido Domingo abgesagt. Nach Domingos persönlicher Entschuldigung wegen sexueller Übergriffe habe das Haus sich zur Absage entschieden, sagte Intendant Dietmar Schwarz am Dienstag, 10. März in Berlin. Die Deutsche Oper habe bisher an der Vermutung von Domingos Unschuld festgehalten. Da aber der Sänger selbst die Übergriffe eingestanden habe, sei sein Auftritt gegenüber den Frauen nicht mehr vertretbar. "Es tut uns sehr leid, dass es am Ende so ist", sagte Schwarz bei der Vorstellung des Programms für die Saison 2020/2021.

Domingo sollte im kommenden Jahr in einer Wiederaufnahme von Giuseppe Verdis Oper «Don Carlo» auftreten. Der 79-Jährige hatte sein Debüt an der Deutschen Oper 1967 gefeiert. Er wollte deswegen eine Abschiedsvorstellung geben. Mehrere Opernhäuser hatten bereits wegen der Vorwürfe Domingo aus dem Programm genommen.

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10:05 Uhr
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SWR2

Nach langem Leugnen hatte der spanische Opernstar Ende Februar erstmals die Vorwürfe gegen ihn eingestanden und sich bei den betroffenen Frauen entschuldigt. "Ich möchte, dass sie wissen, dass mir der Schmerz, den ich ihnen zugefügt habe, ehrlich leid tut", erklärte Domingo. Der Agent des 79-Jährige hat von Los Angeles aus eine Erklärung an die spanische Nachrichtenagentur Europa Press geschickt. Darin sagt Domingo mit Blick auf die Frauen, die ihm Übergriffe wie aufgezwungene Küsse und Begrapschen vorgeworfen haben: "Ich erkenne die volle Verantwortung für meine Taten an."

"Ich habe mir in den vergangenen Monaten Zeit genommen, über die Anschuldigungen nachzudenken, die einige Kolleginnen gegen mich erhoben haben. Ich verstehe jetzt, dass manche Frauen Angst hatten, sich ehrlich auszudrücken aus Furcht, dass ihre Karrieren dann Schaden nehmen könnten. Wenn das auch nie meine Absicht war, sollte sich niemand je so fühlen müssen."

Plácido Domingo am 25. Februar 2020

Rückzug in New York und Los Angeles

Mehrere Künstlerinnen hatten im August 2019 dem Sänger im Zuge der "MeToo"-Debatte teils Jahrzehnte zurückliegende Übergriffe vorgeworfen. Domingo hatte stets alle Beschuldigungen zurückgewiesen. Nach den Vorwürfen war er als Chef der Oper in Los Angeles zurückgetreten. Zuvor hatte er angekündigt, nicht mehr an der New Yorker Metropolitan Oper aufzutreten. Weitere Termine in den USA wurden abgesagt. Auch die Verleihung des Europäischen Kulturpreises an den Sänger wurde verschoben. In Wien, an der Hamburger Elbphilharmonie und an der Berliner Staatsoper konnte Domingo trotzdem auftreten. Vor seinem Auftritt in Berlin im Januar kam es zur Forderung eines Auftrittsverbotes.

Placido Domingo (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Photoshot)
Nach seinem Geständnis will Domonigo nun nach eigenem Bekunden beitragen zu einem "positiven Wandel in der Opernbranche, damit niemand mehr dieselbe Erfahrung machen muss". Photoshot

"Ich weise die Anschuldigungen gegen mich entschieden zurück und mache mir Sorgen um ein Klima, in dem Menschen ohne angemessene Untersuchungen verurteilt werden."

Domingo gegenüber der "New York Times" am 24. September

Untersuchung der Belästigungsvorwürfe

Bereits Anfang September 2019 hatte die Gewerkschaft von OperndarstellerInnen (Agma) in den USA angekündigt, die Belästigungsvorwürfe gegen Plácido Domingo zu untersuchen. Kurz nach Domingos Eingeständnis veröffentlichte die Agma am 25. Februar nun diese Untersuchung. Darin wird Domingo "ein unangemessenes Verhalten vom Flirt bis hin zu sexuellen Avancen an seinem Arbeitsplatz und außerhalb" vorgeworfen. Seine Opfer hätten aus "Angst vor Repressalien" geschwiegen. Auch die Kommission der Oper von Los Angeles zur Untersuchung der Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens von Star-Tenor Plácido Domingo hat diese mittlerweile als "glaubwürdig" eingestuft.

Begrabschen und belästigen

Ihren Ursprung haben die Vorwürfe in den Anschuldigungen acht Sängerinnen und einer Tänzerin. Der Nachrichtenagentur AP sagten die Frauen im August 2019, der international bekannte Opernstar habe versucht, sie in sexuelle Beziehungen zu zwingen, indem er ihnen Jobs angeboten habe. In einigen Fällen habe er die Frauen bestraft, wenn sie seine Annäherungen verweigerten. Danach hatten weitere Frauen dem Opernstar sexuelle Belästigung vorgeworfen. Eine Frau sagte, Domingo habe hinter der Bühne ihre Brüste begrapscht, andere schilderten, er habe versucht, sie zu küssen oder sie angefasst, ohne dass sie es gewollt hätten. Eine Sprecherin von Plácido Domingo bezeichnete die Vorwürfe damals als "durchsetzt mit Widersprüchlichkeiten".

"Ich habe geglaubt, dass alle meine Interaktionen und Beziehungen immer willkommen und im gegenseitigen Einverständnis waren."

Plácido Domingo, laut Nachrichtenagentur AP

Domingo gilt als einer der erfolgreichsten Opernsänger überhaupt. Er ist ebenfalls erfolgreicher Dirigent und war weit 2003 Generaldirektor der Los Angeles Opera. Der mehrfache Grammy-Gewinner wird von seinen Kollegen als überaus charmant und voller Energie beschrieben. In den 1990er-Jahren feierte er mit José Carreras und Luciano Pavarotti als „Drei Tenöre“ weltweite Erfolge und begeisterte ein neues Publikum für die Oper.

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