Kritik | Tschaikowsky-Oper "Pique Dame" in Salzburg Skandal bleibt aus

Kritik | Tschaikowsky-Oper "Pique Dame" in Salzburg Skandal bleibt aus

Schauspieler und Ensemble Pique Dame (Foto: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz -)
Der letzte Auftritt von Regisseur Hans Neuenfels bei den Salzburger Festspielen ist schon 17 Jahre her. Aber seine "Fledermaus" zum Abschied von Intendant Gerard Mortier ist in Erinnerung geblieben. Eine Mischung aus Stückzertrümmerung und Publikumsbeschimpfung, kurzum: ein handfester Skandal. Daher wird vielleicht so manchem Premierenbesucher mulmig zumute gewesen sein, als Neuenfels am 5. August sein Salzburger Comeback feierte. Eingeladen von Intendant Markus Hinterhäuser, hat er Tschaikowskys Oper "Pique Dame" inszeniert. Karsten Umlauf war für SWR2 bei der Premiere und hat am Ende zumindest keine Buhrufe registriert. Zu seiner Kritik geht es hier.Im Bild v.l.n.r.: Vladislav Sulimsky (Graf Tomski / Plutus), Stanislav Trofimov (Surin), Alexander Kravetz (Tschekalinski), Igor Golovatenko (Fürst Jelezki), Gleb Peryazev (Narumow), Pavel Petrov (Tschaplizki) und Brandon Jovanovich (Hermann). © Salzburger Festspiele / Ruth Walz -
Einmal gibt es Riesenbrüste auf der Bühne zu sehen. Als Attrappe hängen sie einer Gruppe von Ammen um den Hals. Ansonsten hat der Puls beim Salzburger Premierenpublikum wenig Anlass, den Ruhebereich zu verlassen, denn Hans Neuenfels erweist sich bei Tschaikowskys "Pique Dame" in erster Linie als Bühnen-Ästhet und als geradezu zurückhaltender Anwalt des Stücks. picture alliance/APA/picturedesk.com -
Kinder mit tupfengleichen Topffrisuren singen ein Loblied auf die Soldaten, werden aber sicherheitshalber in rollenden Käfigen auf die Bühne gebracht und mit Leinen am Rücken kurz gehalten.Im Bild: Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor. © Salzburger Festspiele / Ruth Walz -
Die Kinder und die Knochenpuppe: Zwei Beispiele von vielen, bei denen es Neuenfels an diesem Abend um den Gegensatz geht zwischen der rückwärtsgewandten, konformistischen Gesellschaft und dem einzelnen – der dazugehören, reich und erfolgreich sein möchte, aber aufgrund seiner Leidenschaft ein Außenseiter bleibt.Im Bild v.l.n.r: Brandon Jovanovich (Hermann), Alexander Kravets (Tschekalinski) und Stanislav Trofimov (Surin). © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus -
Statt der Zarin Katharina, der alle huldigen, wird eine Knochenpuppe mit Silberkrone hereingeschoben.Im Bild: Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus -
Neuenfels' Bühnenbildner Christian Schmidt hat einen meist schwarzen Raum entworfen: ein riesiger dunkler Bilderrahmen, der mal mit grauen Kacheln gefüllt ist, mal einen kurzen Blick in die Sternennacht freigibt. Als Farbklecks umso auffälliger ist darin der Offizier Hermann, ganz in rot, quasi der Herzbube in diesem Spiel, der die Adlige Lisa liebt, obwohl sie einem Fürsten versprochen ist.Im Bild: Stanislav Trofimov (Surin), Brandon Jovanovich (Hermann), Vladislav Sulimsky (Graf Tomski / Plutus) und Alexander Kravetz (Tschekalinski). © Salzburger Festspiele / Ruth Walz -
Herrmann fordert das angeblich so unentrinnbare Schicksal heraus, erobert Lisa mit seiner ungestümen Art, verfällt aber dem Geheimnis ihrer Großmutter, der Gräfin, die angeblich einen todsicheren Trick beim Kartenspiel kennt. Im Bild: Evgenia Muraveva (Lisa). © Salzburger Festspiele / Ruth Walz -
Hanna Schwarz spielt die Gräfing mit androgynem Touch, morbid, in grünem Kleid und roten Handschuhen. Tschaikowskis geradezu verschwenderisch abwechslungsreiche Musik gewinnt in diesen Szenen eine fast unwirkliche Aura, die die stilisierte Bühne noch unterstreicht. © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus -
Der Wahn, Freiheit und Anerkennung beim Kartenspiel zu gewinnen, nimmt Hermann völlig in Besitz und treibt ihn und Lisa schließlich in den Tod. Im Unterschied zu Alexander Puschkins Vorlage hat Tschaikowsky dieses doppelte Streben nach Glück noch stärker herausgearbeitet.Im Bild: Vladislav Sulimsky (Graf Tomski / Plutus) und Brandon Jovanovich (Hermann). © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus -
Hans Neuenfels spielt mit den Kontrasten von Bewegung und Stillstand, schwarz und weiß, innen und außen.Im Bild: Brandon Jovanovich (Hermann) und Hanna Schwarz (Gräfin). © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus -
Die Liebesgeschichte zwischen Lisa und Hermann gerät auf diesem Tableau trotz der aufwühlenden Musik Tschaikowskis eher zu einer Konstellation als zu einem bewegenden Drama. Vielleicht wird das am Premierenabend noch unterstützt durch Dirigent Mariss Jansons, der mit den Wiener Philharmonikern zwar einen prachtvollen Klangzauber bei maximal klarer Diktion hervorbringt, dabei aber vor allem im ersten Teil des Abends die Sänger zu oft zudeckt, Brandon Jovanovich und Evgenia Muraveva in den Hauptrollen wirken angestrengt und leicht abgesungen, während vor allem die Nebenrollen wie Igor Golovatenko als Fürst Jelezki überzeugen.Im Bild: Igor Golovatenko (Fürst Jelezki) und Evgenia Muraveva (Lisa). © Salzburger Festspiele / Ruth Walz -
Hans Neuenfels „Pique Dame“ könnte man fast als brav, vielleicht sogar altersmilde bezeichnen. Sie hat anrührende Momente, wo sie die Melancholie der Liebe und die Unzulänglichkeiten des Lebens durchdringt. Ihr Stachel zielt auf eine Gesellschaft, die toten Idealen nachhängt, die ausgrenzt und den Stillstand feiert. Das hätte, zumal im Österreich von heute, ruhig auch etwas mehr weh tun können.Im Bild: Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor. © Salzburger Festspiele / Ruth Walz -
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