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„Jede Beethoven-Aufführung erscheint mir wie eine Beethoven-Beerdigung“, sagt Johannes Kreidler, Wegbereiter eines Neuen Konzeptionalismus, Komponist, Medienkünstler und Enfant terrible der Neuen Musik. SWR2 stellt den Kurator des diesjährigen „Zeitgenuss-Festival“, das am 24.10. an der Musikhochschule Karlsruhe beginnt, vor.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Der Komponist Johannes Kreidler vermag mit robusten Äußerungen zu irritieren:

„Mir erscheint jede Beethoven-Aufführung wie eine Beethoven-Beerdigung und auf Beerdigungen wird ja immer gelogen. Aber die Philharmonien sind heute Altersheime und ein Altersheim muss nicht mehr kritisiert werden, das erledigt sich biologisch irgendwann von selbst.“

Johannes Kreidler

Das Neue in der Neuen Musik

Das Image eines „Enfant terrible“ der Neuen Musik täuscht darüber hinweg, dass es sich bei dem 1980 geborenen Johannes Kreidler um einen subtil reflektierenden Komponisten handelt. Von seinem Lehrer Mathias Spahlinger, bei dem er an der Musikhochschule in Freiburg studierte, hat er das kritische Denken in und über Musik gelernt.

„Der konzeptionelle Ansatz ist noch nicht sehr weit gediehen. Was in der bildenden Kunst völlig selbstverständlich geworden sind, hat in der Musik noch Aufholbedarf.“

Johannes Kreidler

Vor allem darüber, wie eine Neue Musik heute noch beschaffen sein kann, die wirklich das Attribut des Neuen, mit großem N geschrieben, verdient. „In der Musik ist tatsächlich so ein konzeptioneller Ansatz noch nicht sehr weit gediehen“, sagt Johannes Kreidler.

Er wünsche sich ein Publikum, das empfänglicher sei für Neues in der Musik: „Für Sachen, die in der bildenden Kunst völlig selbstverständlich geworden sind, sehe ich in der Musik noch Aufholbedarf.“

Mini-Dokfilm über Johannes Kreidler

Ravels "Bolero" ohne Melodiestimme

Wie hört sich so etwas an? 2015 radierte er die Melodiestimme in Maurice Ravels „Bolero“ aus. „Minus Bolero“ nannte er dieses Orchesterstück.

Damit zeigte er, dass Musik letztlich im Kopf entsteht. Wer Ravels „Bolero“ kennt, beginnt automatisch die fehlende Melodiestimme aus dem musikalischen Gedächtnis zu rekonstruieren.

Musik und Kontext

Kreidler behandelt Musikstücke als Objekt der Rezeption. Es ist der Kontext, der aus Klang, Geräusch und Sprache Musik entstehen lässt. Tönen muss das nicht immer und unbedingt.

So fertigte Kreidler eine entzückende Reihe musikalischer Grafiken an. Er zeigte sie in Galerien und publizierte sie 2018 in einem französischen Verlag als visuelle Musik.

Da ist ein mit ganzen Noten dicht gepacktes Quadrat zu sehen. Darüber steht „Monster“. Das ist notierte Musik, also Komposition. Wie diese klingt, ist eine Leistung des hörenden Betrachtens.

Johanne Kreidler kuratiert das diesjährige „ZeitGenuss – Fesival für Musik unserer Zeit“, das vom 24. - 27. Oktober an der Hoch­schule für Musik Karlsruhe stattfindet.

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