Eine Aufnahme aus dem Palais Garnier in Paris Tschaikowskys Oper „Jolanthe“ und sein Ballett „Der Nussknacker“

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DVD-Tipp vom 9.11.2018

Zusammenfügen was zusammengehört

Das hätte man sich nicht träumen lassen, dass die zwei einmal zusammenarbeiten: das flämisch-marokkanische Multitalent Sidi Larbi Cherkaoui und die kanadische Stil-Ikone Édouard Lock - zwei Choreografen-Genies wie sie ästhetisch, persönlich und ideologisch kaum gegensätzlicher sein könnten. Aber für Tschaikowsky und die Pariser Oper tut die Ballettwelt offenbar vieles. Gemeinsam mit dem Portugiesen und Pariser Hauschoreografen fügen sich die Tanz-Koryphäen für eine Kollaboration in das Regiekonzept des Regie-Shooting-Stars Dmitri Tcherniakov, und der Russe wollte vor allem eines: zusammenfügen, was zusammengehört. Oper und Ballett - so Tcherniakov im Bonusmaterial der DVD:

Denn der „Nussknacker“ in der Choreografie von Marius Petipa zog in die Welt hinaus und wurde bald schon in den christmas-begeisterten USA, aber auch in Europa ein Jahresendzeit-Muss. Die „Jolanthe“ aber wurde kaum noch gezeigt. Mit der Geschichte von der blinden Frau, die sich verliebt und dann dank Wunderheilung wieder sehen kann, beginnt die DVD-Aufnahme von Tcherniakovs Tschaikowsky-Hommage.

Theater im Theater

Jolanthe entdeckt also die Welt und ganz unvermeidlich auch: den Mann. Es ist eben diese weibliche Initiations-Story, die für Regisseur Dmitri Tcherniakov die Schnittstelle zwischen der Jolanthe-Oper und dem Nussknacker-Ballett darstellt. Also die spätestens seit John Cranko gültige Interpretation, dass das Mädchen mit ihrer Liebe zu einem Prinzen über Nacht zur Frau wird. Das geschieht Jolanthe, das geschieht auch Klara, die Tcherniakov - warum auch immer - in Marie umtauft. Sobald also die Jolanthe-Gesellschaft final jubiliert, weitet sich der Raum, Vorhänge fahren zur Seite und es wird klar: Die Opernaufführung war bloß Theater im Theater.

Hysterie im Spaß

Eine Vorstellung zum Geburtstag von der Nussknacker-Heldin Marie. Ab jetzt ist man in der Ballettwelt und die feiert erst mal Party: Mit ziemlich durchgeknallten Gesellschaftstänzen von Choreograf Arthur Pita fegt die russische Dekadenz durchs großbürgerliche Wohnzimmer. Die Hysterie im Spaß lässt allerdings Böses ahnen und wirklich: Wenn die Nacht dunkelt kann Tschaikowskys Komposition im temporeichen Spiel des Pariser Opern-Orchesters noch so romantisch säuseln - die Welt verfinstert sich. Mittels gigantischer Videobilder detoniert der russische Salon, ein Ascheregen fällt auf die Bühne und statt Eiskristallen flirren Trümmerfrauen durch das verwüstete Szenario.

Später verirrt sich Marie in einen Wald, in dem Wolf und Adler sie umkreisen und gar ein projiziertes Riesen-Nilpferd durch die Landschaft tapst. Bislang kannte man nur ein Nilpferd auf einer Tanzbühne: das von Pina Bausch. Vielleicht eine Reminiszenz an deren tragische Frauen, jedenfalls bringt das Begehren Marie aufs Grausamste um den Verstand, bis am Ende gar ein lodernder Meteorit auf die Erde zurast als wäre man in Lars von Triers Kinofilm „Melancholia“. Der hatte dazu Wagners „Tristan und Isolde“, Tcherniakov eben Tschaikowsky.

Und das führte Tcherniakov offenbar zu Krieg und Katastrophen, Apokalypse und Freud'schem Horror. Tschaikowsky nicht als Romantiker, sondern als Romantik-Skeptiker - da passt in der Tat ein Choreograf bestens: Édouard Lock. Seit jeher führt der die Zuschauer mit seinem eiskalt kontrollierten, kapriziösen Spitzentanz in die Schattenhöllen der Danse d'ecole. Jetzt verwandelt er die eben noch lustige Russengesellschaft in Zombies mit säbelscharfen Armen und gefährlich hervorschnellenden Beinen. Sein Kollege Sidi Larbi Cherkaoui dagegen ist Choreograf auf Weltversöhnungs-Mission. Er darf die Gefühlsseite von Marie und die zärtlich-verzweifelten Liebes-Pas-de-Deux gestalten, die umso herzzerreissender wirken, je finsterer die Tcherniakov'schen Visionen. So Cherkaoui im Bonusmaterial:

Doch die Kameras der Filmaufnahme kreisen wie beutesuchende Raubvögel über Cherkaouis liebeshungrigen Pas de Deux - und es ist gewiss: der Kampf des süßen Gefühls gegen die zynische Realität wird verloren werden. So ist die Jolanthe-Nussknacker-DVD in der Variante von einem hitzköpfig-eigensinnigen Regisseur und drei singulären Choreografen nicht gerade das, was man kleinen Ballettmäuschen unter den Weihnachtsbaum legt. Dafür ein aufregend spartenübergreifender, sich immerzu verwandelnder Horrortrip mit der desillusionierenden Botschaft: Es ist die Liebe, die uns aus dem Kinderparadies vertreibt.

DVD-Tipp vom 09.11.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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