Brüggemanns Klassikkommentar

Ein persönlicher Rückblick auf die Sommer-Klassik-Festivals

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AUTOR/IN
Axel Brüggemann

Der Festivalsommer 2022 wird geprägt durch steinigende Buh-Rufe in Bayreuth, einem immergleichen Kanon aus Salzburg und einer positiven Überraschung an der Ostsee. Axel Brüggemann zieht eine spannende Bilanz über die diesjährigen Festivals in Bregenz, Salzburg, Bayreuth und Schleswig-Holstein.

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Jetzt ist eine gute Zeit für Musikjournalisten, den Urlaub zu beginnen: die großen Festspiel-Premieren sind gelaufen. Es herrscht Ruhe vor dem Saisonbeginn. Und die Bilanz? Fällt durchaus spannend aus nach diesem Festspielsommer.

Bregenz: Ein bisschen Operette und gute Laune geht immer

Beginnen wir mit Bregenz – Wir wissen jetzt: Die vergessene Oper „Siberia“ von Umberto Giordano wurde zu Recht vergessen. Und: Klar, „Madame Butterfly“ auf einem Giga-Papierblatt als Seekulisse ist schön – aber, äh: auch vollkommen unproblematisch. Es erstaunt, wie hübsch die brutale Geschichte einer minderjährigen Japanerin, die von einem amerikanischen Soldaten geschwängert und in den Selbstmord getrieben wird, erzählt werden kann, wenn Regisseur Andreas Homoki sich der Sache annimmt.

Auf der anderen Seite: Bregenz hat einen klaren Auftrag: Allabendlich müssen 8.000 Plätze mit Oper gefüllt werden – und das geht wohl am besten, wenn da immer auch ein bisschen Operette und gute Laune mitschwingt.

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Salzburg: Das Heil im ewig Gleichen

Ein wenig den Kern zu verlieren scheinen dagegen die Salzburger Festspiele. Oder anders gesagt: sie kommen kaum noch heraus aus dem Kanon des Immergleichen, auf das Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser seit Jahren setzt. Dass an der Salzach der beste Mozart der Welt gespielt wird – das ist wohl vorbei, seit Nikolaus Harnoncourt nicht mehr unter uns weilt. Joana Mallwitz ist da leider noch Lichtjahre entfernt.

Ansonsten: das ewig gleiche, erwartbare Programm. Regisseur Romeo Castellucci darf – mal wieder – inszenieren: nach „Salome“, „Elektra“ und „Don Giovanni“ nun eben „Blaubarts Burg“. Teodor Currentzis darf – mal wieder – dirigieren (auch wenn man den Dirigenten auf den Social Media Kanälen der Festspiele dieses Jahr gut versteckt hat).

Salzburg wagt wenig Überraschung

Die Salzburger „Zauberflöte“ und „Aida“ könnten ebenso als Repertoire-Aufführungen an der Wiener oder Münchner Staatsoper durchgehen wie die „Katja Kabanowa“ in der reduzierten Regie von Barrie Kosky.

Salzburg wagt wenig Überraschung und hängt am ewig Gleichen: in gold gewickelte Schokoladen-Routine. Vergessen, dass Intendant Markus Hinterhäuser mal als Erneuerer angetreten ist. Er verwaltet seine Festspiele derzeit hauptsächlich und versucht brisante Themen wie das Russland-Sponsoring auszusitzen. Aber irgendwie wird in Salzburg auch diese Jahr alles vom Publikum einfach weggeklatscht.

Wenn Buhs die Lebendigkeit der Kunst bestätigen

Ganz anders in Bayreuth: Hier schien der Kultur-Mob nach 16 Stunden „Ring des Nibelungen“ in der Regie von Valentin Schwarz nur darauf gewartet zu haben, das Regie-Team mit Buhs zu steinigen. Klar, der vermeintliche „Netflix“-Ring, in dem Wotan und Alberich zu Zwillingsbrüdern wurden und Bösewicht Hagen zum eigentlichen „Ring“ (zum gestohlenen Kind, dessen Wut die Welt in den Untergang führt) war oft inkonsistent, unlogisch und teilweise einfach schlecht gearbeitet. Aber: dieser „Ring“ hat eben auch gezeigt, dass das Neue, das Andere, die Perspektivenverschiebung für Reibung sorgt, für Streit, für Debatte – und am Ende ein Beweis dafür ist, dass Oper lebt.

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Was Bayreuths Feststspielchefin Katharina Wagner meiner Meinung nach von Salzburg-Intendant Hinterhäuser unterscheidet, ist dass sie auch in der Krise auf Risiko, auf Innovation und auf das Experiment setzt, dass sie mit der Reihe „Nach Tristan“ und der Kinderoper neue Formate entwickelt hat. Dass sie mit Roland Schwabs „Tristan“ die Sehnsucht nach Ästhetik befriedigt, und mit Valentin Schwarz‘ „Ring“ gleichsam das andere Extrem – das radikale Regietheater – zur Debatte stellt. Festspiele sind, wenn wir aus der Routine ausbrechen!

Unterschiedliche Klassik-Modelle

In Salzburg kommen nächstes Jahr mal wieder Teodor Currentzis, Roberto Castellucci, Christian Thielemann und all die anderen. In Bayreuth wird man zum „Parsifal“ die „Augmented Reality“-Brillen aufsetzen und neben dem realen Bühnengeschehen vielleicht Drachen durch das Festspielhaus fliegen sehen.

Salzburg und Bayreuth: Zwei vollkommen unterschiedliche Klassik-Modelle. Während man in Krisenzeiten an der Salzach das Heil im ewig Gleichen sucht, setzt man in Franken, noch nicht immer gelungen, auf das radikal Neue.

Zukunftsweiser Schleswig-Holstein Musikfestival?

Meinen Urlaub verbringe ich übrigens seit einigen Tagen an der Ostsee. Und vielleicht liegt hier, jenseits des Fespiel-Glamours, die wahre Zukunft der Musik und der Festivals: Das Schleswig-Holstein Musikfestival bringt neue und alt bekannte Künstlerinnen und Künstler in etablierte Konzertsäle, aber auch in Jacht-Hallen, in Scheunen und Provinz-Kirchen: und ist proppenvoll.

Ja, wird selber von Musikkritikern im Urlaub mit großer Lust besucht. Mehr Nähe. Mehr Authentizität. Mehr Unverhofftes. Mehr: Mut, mehr Vertrauen in das Publikum. Eines haben sie hier im Norden ziemlich gut verstanden: Festivalzeit ist Urlaubszeit vom Repertoire.

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