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Veraltete Frauenbilder, rassistische Fremdbegriffe und zweifelhafte Moralvorstellungen. Die Sujets unserer Opernklassiker scheinen heute oft nicht mehr gesellschaftsverträglich. Doch auch wenn Vieles problematisch scheint, die Opern haben gegenüber veralteten Kinderbüchern einen Vorteil: Man kann sie inszenieren und in die aufgeklärte Jetzt-Zeit holen, findet Axel Brüggemann.

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Zweifelhafte Rollenverteilung, Rassismus und Sexismus

Nun – die klassische Musik war noch nie besonders politisch korrekt. Egal ob „Die Entführung aus dem Serail“ oder „Le nozze di Figaro“ – mit beiden Opern hat Mozart seine Auftraggeber und die Gesellschaft geschockt.

Politisch korrekt ist auf der Bühne nur wenig: Geschwisterliebe in der „Walküre“, Frauen, die „zu viel plappern und zu wenig wissen“ in der „Zauberflöte“ – überhaupt die Damen: in der Regel sterben sie, werden wahnsinnig oder husten sich zu Tode, und die Männer: sind Helden, außer – sie treffen auf die (politisch unkorrekte) „Zigeunerin“ Carmen.

Wir haben es mit dunkelhäutigen Menschen, die im Libretto von „Otello“ bis zum „Rosenkavalier" als „Mohren“ (heute politisch nicht korrekt) bezeichnet werden zu tun, es wird geraucht, gesoffen und – ja, man muss es so sagen, „La Traviata“ lässt grüßen – auch gevögelt in unseren Opern.

Klassik als männliche, weiße und europäische Kunst

Dass Professoren in Oxford festgestellt haben, die Klassik sei in erster Linie eine männliche, weiße und europäisch Kunst – tja: das ist nun wirklich keine neue Erkenntnis. Ob man Mozart und Beethoven deshalb gleich aus dem Uni-Kanon verbannen muss, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Die grundsätzliche Frage ist: Wie gehen wir mit all dem um? Wie politisch korrekt KANN die Oper überhaupt sein? 

Es ist klar: Oper ist immer eine Begegnung mit der Vergangenheit. Und es gehört zu ihrem Reiz, dass sie stets aufs Neue in die Zeit gestellt werden muss: von Menschen unserer Zeit – musikalisch und szenisch. Das unterscheidet die Oper zum Beispiel von Büchern oder Filmen: Die sind, wie sie sind – in jeder Zeit gleich.

„Dumbo“ – Menschen fühlen sich zurecht verletzt

In „Dumbo“ von Walt Disney wird geraucht und getrunken, und – schlimmer noch: afrikanische Völker werden diskriminiert. Ja, und davon fühlen sich Menschen verletzt. Zu Recht! Von „Dumbo“ ebenso wie von einem „geblackfaceden“ Otello. Und, ja – es muss nicht sein, dass wir die dunkelhäutigen Menschen in Pipi Langstrumpfs „TakaTuka-Land“ noch mit dem „N-Wort“ benennen, es ist ja auch nicht so schwer, beim Bäcker einen „Schoko-Kuss“ zu bestellen.

Disney macht das inzwischen so: Vor den jeweiligen Filmen werden die politisch unkorrekten Szenen benannt, es wird auf die Entstehungszeit verwiesen und eingeordnet: „Heute distanzieren wir uns von jeglicher Form der Diskriminierung“.  

München

Video-on-Demand Bayerische Staatsoper wagt neue „Rosenkavalier“-Inszenierung mit Barrie Kosky

Dieses Stück ist mit vielen Opernliebhabern erwachsen geworden: "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss in einer Inszenierung von Otto Schenk. Fast 50 Jahre ist sie alt. Die Bayerische Staatsoper setzt nun auf eine Neufassung, die man kostenlos als Video-on-Demand anschauen kann.  mehr...

Neue Inszenierungen können Opern neu einordnen

Wäre das auch ein Weg für die Oper? Ich glaube: nein! Barrie Kosky hat es an der Staatsoper in München gerade vorgemacht, wie die Kunst selber auf veraltete Kunst-Klischees antworten kann: Statt einen dunkelhäutigen Buben in Strauss’ „Rosenkavalier“ auftreten zu lassen, inszenierte er seinen Gegenpol: einen nackten, blassen, alten, weißen Mann mit den Gesichtszügen seines Regie-Konkurrenten Frank Castorf. 

Klar: die Klassik war lange eurozentrisch, war lange von Männern dominiert, und es ist wichtig, dass wir uns dessen bewusst werden, es einordnen, die Klassik und die Klassik-Studien öffnen. Am Ende aber handelt es sich in der Klassik um eine Kunst mit zwei Schöpfungsphansen: Eine liegt in de Vergangenheit, eine im Heute: Und es ist an den Künstler*innen, eine Brücke aus dem Damals ins aufgeklärte Jetzt zu schlagen. Das ist der große Vorteil der Musik: Sie kann derartige Fragen in der Kunst selber debattieren und beantworten.

Oper Bernd Künzig über Barrie Koskys „Rosenkavalier“ an der Bayerischen Staatsoper

Barrie Kosky inszeniert „Der Rosenkavalier“ an der Bayerischen Staatsoper. Der Regisseur schreckt vor Denkmälern bekanntlich nicht zurück. Jetzt präsentiert die Bayerische Staatsoper eine Neuproduktion unter der musikalischen Leitung des designierten Generalmusikdirektors Vladimir Jurowski. SWR2 Opernredakteur Bernd Künzig hat die Produktion gesehen, die auch als Video-on-Demand zu erleben ist.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Buch-Tipp Bernd Feuchtner: „Die Oper des 20. Jahrhunderts in 100 Meisterwerken“

Als Operndirektor und Chefdramaturg in Heidelberg, Salzburg und Karlsruhe hat sich Bernd Feuchtner immer um Opern des 20. Jahrhunderts bemüht. Jetzt verewigt er seine Liebe für Opern abseits des Repertoires in einem Buch. Wir wüssten gar nicht, was es für Schätze außerhalb des mitteleuropäischen Raums gibt, erzählt Feuchtner im Gespräch. In seinem Buch präsentiert er 100 unentdeckte Meisterwerke und zeigt, wie sich die Oper im 20. Jahrhundert in vielen Kulturen weiterentwickelt hat.  mehr...

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