Brüggemanns Klassikkommentar

Rituale und Musiktraditionen vor dem Weihnachtsbaum

STAND
AUTOR/IN
Axel Brüggemann

Vor der Bescherung ein Gedicht oder Lied vorzutragen, hat in einigen deutschen Haushalten Tradition. Ebenfalls Tradition hat mittlerweile das Erscheinen eines neuen Weihnachtsalbums von Jonas Kaufmann. Axel Brüggemann kommentiert dieses und andere Rituale und bietet neue Traditionen aus Österreich zum Import an.

Audio herunterladen (6,3 MB | MP3)

Erst die Arbeit, dann die Bescherung

Weihnachten 1978. Ich war sieben Jahre alt. Vor den Geschenken musste: 1. ein Gedicht aufgesagt und 2. ein wenig Geige gespielt werden. Ich versuchte mich damals an „Ihr Kinderlein kommet“.

Zugegeben: es hat ein wenig gekratzt. Aber vom Sofa hinter mir hörte ich, wie eine Oma die Zigarette aus dem Mund nahm und krächzte: “Können wir den Jungen nicht erlösen – und einfach Bescherung machen?“ Der Rest der Familie versuchte, nicht zu lachen. Ich wurde durch die Geschenke schnell wieder getröstet.

Modernes Ritual: Last Christmas und Kaufmann-CD

Was ich sagen will: das schöne an Weihnachten sind die Rituale. Auch, wenn sie manchmal wehtun. Das ist ja mit WHAMs Dauer-Weihnachts-Song „Last Christmas“ nicht anders. Und seit drei Jahren gibt es auch in der Klassik ein neues Ritual: Jonas Kaufmann veröffentlicht Weihnacht für Weihnacht eine neue Weihnachts-CD, die – auch das wird zur Tradition – mit eigener ZDF-Weihnachtssendung beworben wird.

Ich bin mir sicher: Meiner Oma hätte das besser gefallen als mein Geigenspiel. Klar: Kaufmann tritt das Klassik-Erbe viele Sängerinnen und Sänger an – Domingo, Pavarotti, Caballee – kaum ein Weltstar ohne Weihnachtsalbum.

Die Kritik kommt derweil aus dem Internet. Jedes Jahr kursiert der gleiche Bilderwitz aus einer Auto-Garage in den Sozialen Medien. Sagt die Kundin: „Mein Auto macht seit Kurzem so komische Geräusche.“ Antwortet der Mann aus der Garage: „Haben Sie die Jonas Kaufmann Weihnachts-CD herausgenommen?“

Kommerz gegen Tradition

Im Ernst: Ich gönne dem Tenor seinen den Kitsch-Erfolg von Herzen. Das „Süßer-die-Kasse-die-Klingelt“-Weihnachtsgeschäft gehört zur Vorweihnachtszeit. Auch wenn ein Song der neuen CD mir besonders weh tut: „Es wird schon gleich Dumpert…“

Denn heute feier‘ ich Weihnachten mit meiner eigenen Familie meist bei meinen Schwiegereltern in Österreich. Und, was soll ich sagen: Die haben das mit der Musik besser drauf als wir 1978 in unserem Wohnzimmer in Bremen. Ein Ritual hier. Die ganze Familie singt – bevor die Bescherung mit „Stille Nacht“ eingeleitet wird – „Es wird schon gleich Dumpa…“ Und zwar als: Volkslied, als Familienlied – als Lied mit Tradition. Oma, Opa, Kinder, Enkel – alle musizieren zusammen.

Ich kratze mit meiner Geige auch mit. Das klingt dann irgendwie wahrhaftig. Verbindet uns alle. Was ich sagen will: Es hört sich  ganz anders an als Jonas Kaufmann.

Echte Weihnachtsstimmung in der Kirche

Und vielleicht ist es das, was Weihnachten so besonders macht: nicht der richtige Ton. Nicht die glitzernde Lichterkette. Sondern die richtige Haltung. Klar: in der Vorweihnachtszeit ist Weihnachten ein Fest des Kommerz, „Jingle-Bells“, „Rudolph the Red Nosed Reindeer“ und „White Christmas“.

Aber echte Weihnachtsstimmung kommt auf, wenn man Mal wieder einen adventlichen Besuch in seiner Kirche unternimmt. Nicht unbedingt zum Beten, sondern wegen der Musik. Wenn der Chor sich ans Jubilieren macht, wenn Laien den „Messias“ oder das „Weihnachtsoratorium“ aufführen. Natürlich nicht so genial wie einst Nikolaus Harnoncourt (übrigens mein CD-Tipp zu Weihnachten), dafür aber mit Echtheit, mit Freude – mit Leidenschaft. Mit weihnachtlicher Wahrhaftigkeit.

Musikmachen – gerade zu Weihnachten, darf auch Mal kratzen...

Händels Messias ohne Kratzen in der ARD Mediathek

Musikgespräch Der Tenor Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann sei der "wichtigste und vielseitigste Tenor seiner Generation", so die New York Times. Deutschlands bekanntester Opernsänger ist ein echtes Münchner Kindl. Zu Hause ist Kaufmann auf den großen Bühnen wie der Metropolitan Opera, dem Londoner Royal Opera House oder der Bayerischen Staatsoper. Er pflegt ein breites Repertoire von der Oper und Operette bis zum Wiener Lied und italienischen Evergreens. Darüber, sowie über die aktuelle Lage der Kultur in der Corona-Pandemie erzählt er in SWR2.

SWR2 Zur Person SWR2

Musikmarkt: CD-Tipp Jonas Kaufmann und sein neues Album mit Liedern von Franz Liszt

Corona hat selbst die namhaftesten Vertreter*innen des internationalen Musikgeschäfts ausgebremst. Einige von ihnen haben jedoch die unfreiwillige Pause produktiv genutzt. So auch der Tenor Jonas Kaufmann. Er hat sich zusammen mit dem Pianisten Helmut Deutsch einem seiner Lieblingskomponisten gewidmet: Franz Liszt. „Freudvoll und leidvoll“ heißt das neue Album, Christoph Vratz hat es sich angehört.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

STAND
AUTOR/IN
Axel Brüggemann