Musiktheater als Gesellschaftssatire Die Offenbachiade und ihr Kontext

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Buch-Tipp vom 5.2.2019

Weil es zu den Ärgernissen der Offenbach-Rezension gehört, dass Jacques Offenbachs Musiktheaterwerke immer wieder mit „Operetten“ über einen Kamm geschoren und verwechselt werden, hat sich der Offenbachkenner Peter Hawig entschlossen, in einem mehr als 500-seitigen Band einmal darüber aufzuklären, was eine „Offenbachiade“ eigentlich ist.

Stoffauswahl aus der Reservatenkammer der Bühnentradition

Ob Räuberoper (wie in den Banditen), Mythologie (wie in Orpheus in der Unterwelt oder der schönen Helena), Märchen (in Herzog Blaubart), Legende (in Genoveva von Brabant) oder Schauerdrama (in Die Seufzerbrücke): Bei der Stoffauswahl hat sich Jacques Offenbach aus der „Reservatenkammer der Bühnentradition“ bedient, wie Peter Hawig anhand typischer Werke präzise aufzeigt. Er stellt die Offenbachaide in den emanzipatorischen Kontext der Folgen der Französischen Revolution. Dazu gehören für ihn:

Konstitutiv für die Gattung sei der „Begriff der Verkleidung und Maskierung“. Aber auch das Verspielte, das Jonglieren mit Zeiten und Räumen, Masken und Artefakten.“

Die doppelzüngige Musik der Offenbachiade

Parodie, Spiegelung von Mustern und Bausteinen, Klischees, Stereotypen und Vorprägungen kennzeichnen laut Hawig die doppelzüngige Musik der Offenbachiade ebenso wie die einzigartige „Verbindung von gesungenem Wort mit der Tanzgebärde“, worauf schon der Musikkritiker und Offenbachianer Paul Bekker 1909 hingewiesen hat, aber auch ...

Zurecht betont Hawig, dass insbesondere die Wiener Operette sich durch den „Rückzug ins Kleinkarierte und ‚Lebkuchenherzhafte‘ wesentlich von der Offenbachiade unterscheidet. Anders als Volker Klotz, der in seinem „Handbuch der Operette“ (er wird auch der „Operettenpapst“ genannt) jede gute Operette als Offenbachiade versteht, definiert Hawig die Offenbachsche Gattung sehr viel genauer.

Hawig spricht sich dabei wohltuend dezidiert gegen zwei Mühlsteine aus, die die Offenbach-Rezeption bis heute belasten, da sie mit Offenbach nichts zu tun haben.   

Zentrales Diktum: „Offenbach ist Musikdramatiker“

Tatsächlich hat Offenbach niemals –auch nicht in „Orpheus in der Unterwelt - die frivolen, beineschwingenden, kreischenden und Unterwäsche zeigenden Damen in seinen Werken auftreten lassen. Offenbach hat keine Cancans komponiert, sondern Galopps. Hawig hat ein konkurrenzloses, mit vielen praktischen Informationen und Fakten aufwartendes Lehrbuch über die Offenbachiade vorgelegt, das eine Lücke schließt, denn die Gattung als solche ist bisher „kein Thema der Forschungsliteratur gewesen“. Ein zentrales Diktum des Buches lautet „Offenbach ist Musikdramatiker“. Daher spricht sich der Autor entschieden gegen jede Art von musikalischer „Verhunzung“ im Sinne von Bearbeitung, Orchesterverkleinerung oder Arrangement für Salonorchester aus. Aber auch gegen Aktualisierungen der Texte, denn:

Peter Hawigs Buch ist ein konkurrenzloses Lehrbuch der Offenbachiade, aber auch ein Liebesbekenntnis, denn, so lautet Hawigs letzter Satz:

Buch-Tipp vom 6.2.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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