Musikstück der Woche

Tianwa Yang und Nicholas Rimmer spielen Poulencs Violinsonate

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AUTOR/IN
Bettina Müller-Hesse
REDAKTEUR/IN
Doris Blaich und Kerstin Unseld

Federico Garcia Lorca war in den 1930er Jahren der berühmteste spanischsprachige Autor Europas, ein Linker, der Francos Faschisten unbedingt verhindern wollte. 1936 wird er ermordet, sein Leichnam verscharrt. Francis Poulencs widmet ihm seine Geigensonate, deren Uraufführung ein Akt von résistance war.

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Ein mutiges Konzert

Als Lorca mit 38 von den Faschisten erschossen wird, ist Francis Poulenc – selbst homosexuell und so alt wie Lorca – tief getroffen. Die Geigensonate vollendet er 1943, widmet sie dem so verehrten Dichter und führt sie im gleichen Jahr in der Salle Gaveau in Paris auf.

Eine Musik, die an einen Antifaschisten erinnert, uraufgeführt in einer Stadt, die von der deutschen Wehrmacht besetzt ist, in einem Konzertsaal, der gerade mal 800 Meter entfernt von der Propagandastaffel der Nazis auf der Champs-Elysées liegt: Das ist mehr als mutig.

Geigensonate wider Willen

Poulenc sitzt bei der Uraufführung selbst am Klavier. Den Geigenpart übernimmt die 23-jährige Violinvirtuosin Ginette Neveu. Poulenc hat die Geige nie besonders gemocht.

Dass er dennoch Lorca mit einer Geigensonate würdigt, ist Ginette Neveu zu verdanken, die sich schon lange eine Sonate von Poulenc gewünscht hatte. Sie berät Poulenc auch in spieltechnischen Fragen, wie Fingersatz oder Strich. Und Poulenc stattet sie und ihre Geige im Gegenzug mit einigen wunderschönen Passagen aus.

„Nicht meine beste Sonate“

Poulencs Leidenschaft für den Dichter Lorca war grenzenlos und er fand, dass seine Sonate dieser Leidenschaft nicht gerecht wurde. „Ma sonate n’est pas du meilleur“, meinte er.

Dabei ist die Sonate sehr facettenreich: Düster (dem Anlass gemäß), zerrissen (schon die ersten beiden Takte klingen, als würde etwas zerfetzt), melancholisch. Aber auch witzig, immer wieder zitiert Poulenc „Tea for two“, ein damals verbotener Jazz-Standard aus den USA, auch das ein Protest gegen die deutsche Okkupation. Aber vor allem hat Poulenc – wie Lorca – die music halls geliebt, den Jazz.

„Presto tragico“

Der Schlusssatz, ein „presto tragico“, endet abrupt. So wie auch das Leben von Federico Garcia Lorca. Als Poulenc den Schlusssatz sechs Jahre nach der Uraufführung 1949 nochmal überarbeitet, bekommt er eine beklemmende Aktualität: Ginette Neveu, die Geigerin der Uraufführung, kommt im gleichen Jahr bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Sie war auf dem Weg zu einer Konzertreise in die USA. Als man ihre Leiche findet, hält sie ihre Stradivari-Violine in den Armen. Poulencs letzte Widmung seiner Sonate geht an die gerade mal 30-jährige Ginette Neveu.

Tianwa Yang

Tianwa Yang ist 1987 in Peking geboren. Ihr absolutes Gehör und ihre große Begabung werden in einem Musikkindergarten in Peking entdeckt – durch Zufall geht sie dorthin, weil er verkehrstechnisch günstig zur elterlichen Wohnung liegt. Sie studiert mit zehn am Konservatorium in Peking, geht 2003 zum Studium nach Karlsruhe. Sie konzertiert und unterrichtet in Bern und Würzburg.

Im Oktober 2022 wird sie als „Instrumentalistin des Jahres“ mit einem Opus Klassik ausgezeichnet.

Nicholas Rimmer

Nicholas Rimmer ist 1981 in Wigan bei Manchester geboren. Er hat Klavier in Hannover studiert und Musikwissenschaft in Cambridge. Sein Herz gehört der Kammermusik, ob im Duo, Trio oder als Liedbegleiter. Er spielt in vielen festen Formationen wie dem Trio Gaspard und seit vielen Jahren auch zusammen mit der Geigerin Tianwa Yang. Seit 2020 ist er Professor an der Freiburger Musikhochschule im Fach Liedbegleitung.

Musikstück der Woche Francis Poulencs Klavierkonzert cis-moll mit Anny Hwang und der DRP

Kloster oder Music Hall? Auch wenn der französische Komponist Francis Poulenc im Laufe seines Lebens zu tiefer Religiosität fand: seine Liebe galt immer auch dem Leichten, Spielerischen in der Musik, wie er sie aus den Pariser Music Halls der 1920er Jahre kannte. Sein Klavierkonzert ist eine herrliche Melange aller möglichen Stile.

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