SWR2 Musikstück der Woche vom 7.4.2014 Ein verborgener Schatz

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Robert Schumann: Allegro h-Moll op. 8

Diese Komposition des 21-jährigen Schumann ist wenig bekannt – umso mehr lohnt ihre Entdeckung. In einem Ettlinger Schlosskonzert des SWR vom April 2012 spielt der Pianist Herbert Schuch. 

Komponist Robert Schumann (Foto: SWR, SWR -)
Robert Schumann SWR -
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Ursprünglich plante Robert Schumann, mit diesem Allegro eine große Klaviersonate zu eröffnen, die er seinem Musikerfreund Ignaz Moscheles widmen wollte; es ist jedoch bei diesem Einzelsatz geblieben – bzw. die anderen drei Sätze hat Schumann offenbar verworfen und vernichtet. Die Widmung ging dann an seine damalige Verlobte Ernestine von Fricken. Nach der Trennung der beiden soll sie das Allegro noch oft gespielt haben, stets mit "ganz eigentümlichen Ausdruck", wie ihr Vater in einem Brief an Schumann verrät.

Musik jenseits der Schmerzgrenze

Entstanden ist das Allegro Endes des Jahres 1831. Da war Schumann 21 Jahre alt und seit einigen Monaten Klavierstudent bei Friedrich Wieck in Leipzig. Wie ein Besessener übte er Klavier, bis zu sieben Stunden am Tag. Und da er die Geläufigkeit und Kraft seines Ringfingers (dem Sorgenfinger jedes Pianisten) verbessern wollte, machte er ein spezielles Krafttraining: Er übte mit einer mechanischen Vorrichtung, bei der der Finger zusätzlich ein Gewicht herunterdrücken muss. Statt der erhofften Muskelkraft zog er sich eine Lähmung zu. Sie war irreparabel und bedeutete das Ende seiner anvisierten Pianistenlaufbahn.

Das Allegro schrieb er kurz vor dieser Lebenswende. Es weist keine klassische Sonatenform-Architektur auf, sondern ist – wie die meisten von Schumanns frühen Klavierwerken – nach einem fantasievoll-freien Bauplan gestaltet. Improvisiert wirkende Passagen sind von prägnanten Pfeilern eingerahmt, die die Architektur untergliedern: drei wuchtige Akkorde (sie tauchen immer wieder auf) und ein prägnanter punktierter Herzrhythmus.

Wolkig statt heiter

"Allegro" heißt "heiter" – die Rezeption dieses Allegros war allerdings eher wolkig oder sogar neblig-trüb. Schlechte Rezensionen haben ihm geschadet. Der Kritiker Ludwig Rellstab schrieb in der Zeitschrift mit dem blumigen Titel "Iris im Gebiet der Tonkunst", er habe "vergeblich nach einer ruhig entfalteten Melodie, nach einer Harmonie, die nur einen Takt aushalte" gesucht. Statt dessen fand er "überall nur verworrene Kombinationen von Figuren, Dissonanzen, Passagen, kurz für uns eine Folter".

Schumann selbst war davon verunsichert, bereute, dass er den Satz veröffentlicht hatte und schrieb missmutig: "Es ist wenig daran als der gute Wille." Da half es wenig, dass Clara Schumann das Allegro schon bald in ihr Repertoire aufnahm und es oft und gerne spielte.

Herbert Schuch am Klavier (Foto: Pressestelle, Website Herbert Schuch  - Broede)
Herbert Schuch am Klavier Pressestelle Website Herbert Schuch - Broede

Herbert Schuch

Ein Sieg bei einem Musikwettbewerb ist heute kein Garant mehr für die große Karriere – wenn aber jemand drei renommierte Wettbewerbe in Serie gewinnt, dann wird die Musikwelt hellhörig. So war es bei Herbert Schuch: er räumte ab beim Casagrande-Wettbewerb, beim London International Piano Competition und beim Internationalen Beethovenwettbewerb Wien – und zwar innerhalb eines Jahres. Seither konzertiert er mit einigen der führenden Orchestern Europas: mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Residentie Orkest Den Haag, der Camerata Salzburg, dem RSO Wien, der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, dem Orchestre National de Lyon und den Orchestern der ARD.

Schuch stammt aus Rumänien, siedelte als Kind nach Deutschland über und studierte am Salzburger Mozarteum in der 'Pianistenschmiede' von Karl-Heinz Kämmerling. Besonders geprägt hat ihn auch die Begegnung mit Alfred Brendel. Eines seiner Markenzeichen sind seine dramaturgisch klug zusammengestellten Konzertprogramme, in denen sich die Musikstücke – teils Epochen übergreifend – gegenseitig neu beleuchten.

Dem Publikum und den Veranstaltern gefallen Schuchs musikalische Intelligenz, seine Präsenz und Ernsthaftigkeit beim Musikmachen und sein unprätentiöses Auftreten. Neben seinen solistischen Programmen widmet sich Herbert Schuch auch mit Herzblut der Kammermusik – geweckt wurde sein Interesse durch eigenes Geigenspiel in der Kinderzeit. Er teilt es mit Musikern wie Adrian Brendel, Mirijam Contzen, Veronika Eberle, Julia Fischer, Marie-Elisabeth Hecker, Sebastian Klinger, Alina Pogostkina, Martin Spangenberg.

Außerdem engagiert sich Herbert Schuch bei "Rhapsody in School"; einer Organisation, die der Pianist Lars Vogt gegründet hat und die sich für die Vermittlung von Klassik in Schulen einsetzt.

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