Musikstück der Woche vom 31.8.2015 Seenot in Noten

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Peter Tschaikowsky: "Der Sturm", Fantasie nach Shakespeare op. 18

Tschaikowsky war ein leidenschaftlicher Leser. Die Dramen Shakespeares standen ganz oben auf seiner Leseliste. Drei davon hat er für großes Orchester vertont: "Romeo und Julia", "Hamlet" und "Der Sturm". In unserem Musikstück der Woche dirigiert Alejo Perez das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Die Aufnahme entstand im April 2014 im Konzerthaus Freiburg.

Leinen (und Leine) los!

"Der Sturm soll plötzlich bellen und knurren wie ein Hund, der sich von der Leine losreißt und sich auf den Feind stürzt, damit er nach dem Geheiß des Herren zubeißen kann. Ihr Sturm soll losbrechen und ein italienisches Schiff mit dem Fürsten beißen und gleich danach soll er wieder schweigen, nur noch ein bisschen zucken und brummen und sich entfernen", schreibt Vladimir Stassov, einer der großen russischen Kulturkritiker im Jahr 1873 an Tschaikowsky. Mit seinem Programmentwurf, einem Konzentrat, das Shakespeares Drama auf die wesentlichen Handlungsstränge konzentriert, möchte er Tschaikowsky den "Sturm" als Stoff für eine große Orchesterfantasie schmackhaft machen: jenes Schauspiel von Machtgelüsten und Verrat, Vergeltung und Vergebung, Liebe und Sehnsucht, Zauberkraft und Menschlichkeit.

Warten auf den Musenkuss

Tschaikowsky fängt Feuer, antwortet aber zunächst mit Zurückhaltung: "Das Sujet des Sturms ist so poetisch, Ihr Plan fordert eine solche musikalische Vollendung und Eleganz der Faktur, dass ich meine gewöhnliche Ungeduld beim Komponieren ein wenig zügeln und günstige Minuten abwarten muss." Die "günstigen Minuten" findet Tschaikowsky dann im August 1873. Innerhalb von 10 Tagen entsteht die Komposition, ein Monat später ist die Orchestrierung fertig. Die Uraufführung unter der Leitung von Nikolai Rubinstein ist ein großer Erfolg. Zwölf Jahre später wird Tschaikowsky für die Komposition mit dem Glinka-Preis in Höhe von 500 Rubel bedacht, den der Verleger Beljaev für herausragende Kompositionen stiftete.

Zum Programm

Tschaikowskys Orchesterfantasie orientiert sich an Franz Liszts Konzeption der Sinfonischen Dichtung, die die vier Satztypen einer Sinfonie in einem Satz zusammenfügt. In der Erstausgabe der Noten hat Tschaikowsky das Programm in aller Knappheit abdrucken lassen: "Das Meer. Der Zauberer Prospero sendet den ihm hörigen Geist Ariel aus, einen Sturm zu entfachen, dessen Opfer das Schiff wird. Fernando [der Sohn des Königs von Neapel] kann sich retten. Zauberinsel. Die ersten schüchternen Liebesregungen von Miranda [Prosperos Tochter] und Fernando. Ariel. Kaliban [Prosperos Sklave]. Das verliebte Paar gibt sich dem siegreichen Zauber der Leidenschaft hin. Prospero legt seine Zauberkraft ab und verlässt die Insel. Das Meer."

Eine stürmische Lobeshymne

Vladimir Stassov ist begeistert von Tschaikowskys Musik. In einem Brief schildert er dem Komponisten überschwänglich seinen ersten Höreindruck: "Es wurde zum ersten Mal ihr Sturm gespielt. Ich saß zusammen mit Rimsky-Korsakov im leeren Saal und wir schmolzen vor Begeisterung dahin [...]. Was für ein wunderbares Stück Ihr Sturm ist! Wie unvergleichlich! Der Sturm selbst ist schließlich nichts Außergewöhnliches und bringt nichts neues, Prospero ist nichts Besonderes, und am Schluss folgt eine gewöhnliche Kadenz, wie aus einem italienischen Opernfinale. Aber dies sind drei kleine Schönheitsfehler. Aber alles andere – wunderbar, einfach wunderbar!! Kaliban, Ariel, die Liebesszene – dies alles gehört zu den höchsten Schöpfungen der Musik. In den beiden Liebesszenen – was für eine Schönheit, welche Qualen, welche Leidenschaft! Ich weiß nicht, womit man das vergleichen könnte. Dann dieser herrlich wild-abstoßende Kaliban, wunderbare Flüge und Spiele des Ariel, das alles sind großartige Schöpfungen. Und das Orchester in diesen Szenen ist erstaunlich."

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Foto: SWR, SWR - Marco Borggreve)
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg SWR - Marco Borggreve

1946 wurde das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg gegründet. Bis heute identifiziert es sich mit den Idealen seiner "Gründerväter", die der festen Überzeugung waren, dass die engagierte Förderung der neuen Musik ebenso wichtiger Bestandteil des Rundfunk-Kulturauftrags ist wie der Umgang mit der großen Tradition.

In diesem Sinne haben die Chefdirigenten von Hans Rosbaud über Ernest Bour bis zu Michael Gielen gearbeitet und ein Orchester kultiviert, das für seine schnelle Auffassungsgabe beim Entziffern neuer, "unspielbarer" Partituren ebenso gerühmt wird wie für exemplarische Aufführungen und Einspielungen des traditionellen Repertoires eines großen Sinfonieorchesters. An die 400 Kompositionen hat das Orchester bisher uraufgeführt und damit Musikgeschichte geschrieben; es gastiert regelmäßig in den (Musik)-Hauptstädten zwischen Wien und Amsterdam, Berlin und Rom, Salzburg und Luzern. Michael Gielen prägte das Orchester als Chefdirigent in den Jahren 1986-1999, dann übernahm Sylvain Cambreling. Seit September 2011 steht François-Xavier Roth an der Spitze.

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