Musikstück der Woche

Antje Weithaas, Julian Steckel und Enrico Pace spielen Brahms‘ 3. Klaviertrio

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REDAKTEUR/IN
Doris Blaich

„Das eigentliche Bild von Ihnen“ - so bezeichnete eine Freundin von Johannes Brahms dieses Klaviertrio. Brahms vermischte darin seine ausgefeilte Motivtechnik mit österreichischem Volkston. Zeitgenossen erkannten in dem temperamentvollen Werk sogar Brahms‘ persönliche Charaktereigenschaften wieder.

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Der Klang der Wahlheimat – ohne sich selbst zu verlieren

Johannes Brahms musste sich in Wien zeitlebens damit abfinden, als zugezogener und etwas eigenwilliger Fremder bekannt zu sein. 1866 war er von Hamburg nach Wien umgesiedelt – also 20 Jahre vor der Entstehung des Klaviertrios Nr. 3. Vielleicht bewies er genau aus diesem Grund in seinem späten Schaffen die Fähigkeit, seine Musik an einen anderen Geschmack, einen für ihn neuen Volkston anzugleichen.

Die musikalischen Hommagen an seine Wahlheimat nahmen ab den 1880er Jahren deutlich zu, und dennoch blieb er seinem ursprünglichen Kernthema weiterhin treu: Der intensiven Auseinandersetzung mit dem musikalischen Motiv, das er in alle Richtungen dreht und wendet, variiert und neu zusammensetzt.

„So leidenschaftlich…

Im Klaviertrio Nr. 3 in c-Moll werden diese beiden Seiten – das Gefällige und das fein Ziselierte – in unvergleichlicher Weise hörbar, und ihr scheinbarer Widerspruch wird in ihm meisterhaft aufgelöst. Alle Sätze sind auf geniale Weise durchflochten von immer wiederkehrenden musikalischen Gedanken.

Das anfangs unerbittlich wilde Temperament des ersten Satzes „Allegro energico“, wird im dritten Satz vollständig in unbekümmerte Holdseligkeit umgewandelt. Den gelungenen Übergang schafft der geheimnisvolle, aber immer noch erregte zweite Satz.

…und so maßvoll!“

Im gesamten Werk bindet Brahms immer wieder triolische Begleitmelodien ein, langsame Walzer und sogar, wie im vierten Satz, ungarische Tanzrhythmen. Der dritte Satz „Andante grazioso“ basiert auf einem „Zwiefachen“, also einem süddeutschen Tanz mit sich abwechselnden Zweier- und Dreiermetren. Hinter dieser volkstümlichen Fassade verbirgt sich eine nicht minder detaillierte motivische Arbeit, die jedoch diesmal ganz unangestrengt und heiter daherkommt.

Brahms, der Selbstkritiker

Brahms hat viele seiner frühen Werke vernichtet, darunter auch mehrere Klaviertrios. Diese Tatsache führt uns noch einmal mehr seinen enormen Perfektionsanspruch vor Augen, und welche Qualität wir deshalb von diesem Werk erwarten dürfen. Es ist bemerkenswert, dass er hier trotz dieser schonungslosen Selbstkritik so viel Neues und, für ihn, Fremdes wagt.

„Besser als alle Photographien“

Brahms wirkte an der Uraufführung in Budapest selbst als Pianist mit. Von Zeitgenossen wurde es mit Begeisterung aufgenommen. Clara Schumann notiert im Tagebuch: „Welch ein Werk ist das! Genial durch und durch in der Leidenschaft, der Kraft der Gedanken, der Anmut, der Poesie.“

Brahms‘ Vertraute Elisabeth von Herzogenberg schildert, dass sie den Charakter des Komponisten im Werk auf unvergleichliche Weise wiedererkenne. „Es ist besser als alle Photographien und so das eigentliche Bild von Ihnen. […] So leidenschaftlich und so maßvoll, so groß und so lieblich, so knapp und so beredt.“ – Eine schönere Beschreibung für einen Charakter ließe sich wohl kaum finden!

Antje Weithaas trat als Solistin bereits mit dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin, den Bamberger Sinfonikern und internationalen Spitzenorchestern unter der Leitung von Vladimir Ashkenazy, Dmitrij Kitajenko und Sir Neville Marriner auf. Es erschienen von ihr zahlreiche Einspielungen, z. B. der Violinkonzerte von Berg und Beethoven, sowie sämtlicher Solosonaten und -partiten von Bach.

Fast 10 Jahre lang war sie die künstlerische Leiterin der Camerata Bern. Als Professorin lehrte sie an der Universität der Künste Berlin, und seit 2004 an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin.

Julian Steckel studierte in München bei Gustav Rivinius, in Berlin bei Boris Pergamenschikow und Antje Weithaas, in Wien bei Heinrich Schiff. 2010 gewann er beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb, und tritt seitdem als Solist bei großen europäischen Orchestern, sowie als Interpret von Kammermusik auf.

2012 erhielt er den ECHO Klassik für seine Einspielungen der Cellokonzerte von Korngold und Goldschmidt, sowie des Werkes „Schelomo“ von Ernest Bloch. Seit 2011 ist Steckel Professor für Violoncello in Rostock.

Der Pianist Enrico Pace wurde in Rimini geboren. Er gewann 1989 den ersten Preis des internationalen Franz-Liszt-Wettbewerbs in Utrecht, mit dem seine internationale Karriere ihren Lauf nahm. Er spielte mit namhaften Orchestern wie den Münchner- und den Bamberger Symphonikern, und mit dem BBC Symphony Orchestra.

Bei vielen kammermusikalischen Auftritten mit renommierten Künstlern pflegt er eine besonders intensive Zusammenarbeit mit den Geigern Leonidas Kavakos und Frank Peter Zimmermann, mit denen er auch bedeutende CD-Einspielungen veröffentlicht hat.

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