Musikstück der Woche mit Dmitri Dichtiar und dem Gottesauer Ensemble Johann Melchior Molter: Violoncello und Orchester in C-Dur

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Das Erste seiner Art | Musikstück der Woche vom 13.03.2017

Wie und warum Johann Melchior Molter nach Karlsruhe kam, gehört zu den Geheimnissen seines ansonsten recht gut dokumentieren Lebens. Unter seinen Solokonzerten findet sich eines für Violoncello und Orchester in C-Dur, das das älteste und zugleich wahrscheinlich erste seiner Art ist. Dmitri Dichtiar und das Gottesauer Ensemble haben dieses Werk 2014 im historischen Asamsaal des Ettlinger Schlosses eingespielt.

Capellmeister in Carols-Ruhe

1717 trat Johann Melchior Molter als Geiger in den Dienst des Markgrafen Carl Wilhelm von Baden-Durlach und gehörte somit zu den ersten Musikern der zwei Jahre zuvor gegründeten neuen Residenz Carols-Ruhe. Dieser Ort sollte – mit einigen Unterbrechungen – das Zentrum von Molters Wirken bleiben. Kaum hatte er sich eingelebt und geheiratet, brach Molter mit Erlaubnis und finanzieller Unterstützung des Markgrafen nach Italien auf, um seine Musikstudien dort fortzusetzen und sich über aktuelle Stilentwicklungen vor Ort kundig zu machen. Bald nach seiner Rückkehr wurde Molter zum Hofkapellmeister ernannt und er hätte dieses Amt sicherlich kontinuierlich bis zu seinem Lebensende ausgeübt, wenn nicht politische Spannungen mit dem mächtigen Nachbarland Frankreich für ein jähes Ende seines Wirkens in Karlsruhe gesorgt hätten.

Weit über die Grenzen der Residenz geschätzt

Unmittelbar nachdem Ludwig XIV. 1733 dem Deutschen Reich wegen eines Erbstreits den Krieg erklärt hatte, löste Markgraf Carl Wilhelm seinen Hof und damit auch die Hofkapelle auf und ging ins Exil. Den Karlsruher Musikern blieb nichts anderes übrig, als sich neue Arbeitgeber zu suchen. Molter fand eine Anstellung am Hof des Herzogs Wilhelm Heinrich von Sachsen-Eisenach, dessen kleine, aber leistungsfähige Hofkapelle Molter seit 1734 als Kapellmeister leitete. Für Molter bedeutete das die Rückkehr in seine thüringische Heimat, in der er wahrscheinlich geblieben wäre, hätte die Politik nicht abermals anders entschieden.

Als Herzog Wilhelm Heinrich 1741 kinderlos starb, fiel sein Land an das Haus Sachsen-Weimar, mit der Folge, dass große Teile des Hofstaats einschließlich der Hofkapelle entlassen wurden. Doch wieder war das Glück auf Molters Seite: Er konnte als Kapellmeister an den wieder installierten Hof nach Karlsruhe zurückkehren. Dort blieb er, geschätzt als weit über die Grenzen der kleinen Residenz hinaus renommierter Musiker, bis zu seinem Tod im Jahr 1765.

Molter wusste, wie die menschliche Stimme zur Geltung gelangt

Molter war ein "vollkommener Capellmeister" im Sinne des gleichnamigen berühmten Traktats des Hamburger Musikgelehrten Johann Mattheson. In seinen frühen Jahren wurde Molter mit dem Stil der französischen Musik seiner Zeit vertraut, in Italien, wohin es ihn während seiner Eisenacher Zeit ein zweites Mal zog, lernte er den aktuellen italienischen Stil kennen. Zur stilistischen Vielseitigkeit trat die handwerkliche Sicherheit, mit der Molter sich in allen gängigen Genres bewegte. Große Teile seiner Vokalwerke sind zwar verschollen oder wurden während des Zweiten Weltkriegs vernichtet, doch weisen die erhaltenen Kantaten und andere Werke für Gesang Molter als Komponisten aus, der genau wusste, wie die menschliche Stimme ideal zur Geltung gelangt.

In großer Zahl überliefert sind hingegen die Handschriften vieler Instrumentalwerke Molters, deren größer Teil in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe verwahrt wird (und in digitalisierter Form auch online allgemein zugänglich ist). Neben rund 170 Sinfonien stellen Solokonzerte für unterschiedliche Instrumente die größte Werkgruppe innerhalb von Molters Instrumentalschaffen war. Die meisten dieser Konzerte dürften für virtuose Hofmusiker in Karlsruhe und in Eisenach entstanden und Rahmen der höfischen Musikpraxis aufgeführt worden sein.

Sechs Solokonzerte auf einer CD

Unter den auf dieser CD versammelten sechs Solokonzerten ist das Konzert für Violoncello und Streicher in C-Dur das älteste und es ist zugleich wahrscheinlich das erste Werk seiner Art eines deutschen Komponisten. Wie die meisten Konzerte Molters entspricht es in seiner Anlage dem Konzerttyp, wie er Anfang des 18. Jahrhunderts in Italien entstand und in im Schaffen Antonio Vivaldis eine geradezu mustergültige Ausprägung erfuhr.

Molter imitiert den italienischen Komponisten aber nicht, sondern zeigt vielmehr seine musikalische Mehrsprachigkeit. Der erste von drei Sätzen steht stilistisch der Musik von Georg Phiipp Telemann nah, der vielleicht zu den Lehrern Molters zählte. In seinem Alternieren von Orchesterritornellen und Soloabschnitten entspricht er der gängigen Form barocker Konzertsätze. Das Vorbild Vivaldis ist hingegen im zweiten Satz, einem Adagio, zu erkennen, das mit seinen kantablen Linien einen Kontrast zum Virtuosengestus des Eingangssatzes bietet. Der tänzerische letzte Satz schließlich zeigt eine gewisse Nähe zur französischen Musik.

Dmitri Dichtiar (Violoncello)

Der Cellist und Leiter des Gottesauer Ensembles Dmitri Dichtiar (Foto: Dmitri Dichtiar - Dmitri Dichtiar)
Der Cellist und Leiter des Gottesauer Ensembles Dmitri Dichtiar Dmitri Dichtiar - Dmitri Dichtiar

Der Cellist Dmitri Dichtiar ist in Moskau geboren. Er studierte an der Zentralen Musikschule für hochbegabte Kinder am Moskauer Konservatorium. Nach dem erfolgreichen Abschluss besuchte er das Moskauer Konservatorium.
Seine Diplome bekam Dichtiar an den Hochschulen für Musik in Detmold und in Karlsruhe. Die Meisterkurse bei Boris Pergamenschikow, Gerhart Darmstadt, Anner Bylsma, Rainer Zipperling und Phoebe Carrai rundeten seine Ausbildung ab.
Dmitri war Stipendiat des Kulturfonds Baden und erhielt Preise bei nationalen und internationalen Wettbewerben.
Während der Studienzeit entwickelte er eine Leidenschaft für Alte Musik. Nach dem Abschluss in Karlsruhe ging Dmitri nach Basel, wo er das Studium für Barockcello an der Schola Cantorum Basiliensis bei Christophe Coin absolvierte.
Die Intensive Beschäftigung mit der Alten Musik verschiedenen Stilepochen führten Dmitri zur Zusammenarbeit mit vielen renommierten Ensembles wie Amsterdam Baroque Orchestra, Orchester "Anima Eterna", Ensemble Cafe Zimmermann und als Solo-und Continuocellist in Nova Stravaganza, Hofkapelle München, Ensemble moderntimes_1800, Orchester Wiener Akademie, Concerto Köln und Deutsche Händel-Solisten.
Als Solist, Continuospieler und Kammermusikpartner von Deborah York, Max Emanuel Cencic, Matthias Rexroth, Siegbert Rampe, Markus Märkl, Jörg Halubek, Sergio Azzolini, Benno Schachtner, Christoph Hammer und Jos van Immerseel war er zu Gast bei Musik-Festivals und Konzertreihen u.a. bei Bach-Festival Leipzig, Bachfest Aschaffenburg, Rising Stars 2002, Händel-Festspiele Göttingen, Festival van Vlaanderen Brugge, Ludwigsburger Festspiele, Festival for Early Music in Soul, Korea, Festival Oude Muziek Utrecht, Antiquarium Moskau, Mozartfest-Würzburg, Musikfest Stuttgart.
Dmitri Dichtiar ist bei zahleichen CD- und Radioproduktionen mit der Alten und mit der Neuen Musik zu hören Er gab Meisterkurse und Workshops für Alte Musik in Deutschland, Kroatien, Schweiz, Brasilien, Korea.
Dmitri unterrichtet Barockcello und historische Aufführungspraxis an der Hochschule für Musik Karlsruhe.

Das Gottesauer Ensemble

Das Gottesauer Ensemble formierte sich in Karlsruhe und steht unter der Leitung des Cellisten Dmitri Dichtiar, der sich intensiv mit oft so bezeichneter "alter Musik" verschiedener Epochen beschäftigt. Kein Zufall also, dass auch die musikalischen Programme des Gottesauer Ensembles der historisch informierten Aufführungspraxis verschrieben sind.

In wechselnder Besetzung bringt das Musiker-Kollektiv immer wieder Musik zu Gehör, die in der Gegenwart nur noch selten gespielt wird. Das jüngste Wiederhören gibt es nun sogar als CD: Im Jahr 2015 produzierte das Gottesauer Ensemble bei dem Label Musicaphon eine Aufnahme mit sechs Concerti von Johann Melchior Molter. Der Anlass für diese Einspielung war Molters 250. Todestag.

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