Musikstück der Woche

Clara-Jumi Kang spielt das Violinkonzert Nr. 2 von Henryk Wieniawski

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Eine „1“ macht den feinen Unterschied! Als Clara-Jumi Kang mit vier Jahren als Vorschülerin an der Mannheimer Musikhochschule angemeldet wird, ist sie eigentlich zu jung dafür. Aber ein Sachbearbeiter hält ihre Altersangabe für einen Irrtum und setzt eine „1“ vor die „4“. So fängt eine Erfolgsgeschichte an! Mit sieben geht sie an die New Yorker Juilliard School. Damit hat sie viele Gemeinsamkeiten mit unserem Komponisten, Henryk Wieniawski.

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Geige statt Spielzeug?

Auch der Pole Henryk Wieniawski ist ein absoluter Frühstarter. So begabt, dass er mit acht Jahren aus Lublin wegzieht, um in Paris am Konservatorium zu studieren. Damit verstößt er gleich doppelt gegen die Statuten, die da lauten: Kein Schüler unter 12! Und kein Ausländer!

Er hat Glück und macht mit elf Jahren sein Examen – mit Auszeichnung und großer Goldmedaille. Im Alter von 13 gibt er bis zu 200 Konzerte jährlich in allen Musikzentren Europas. Es beginnt ein fulminantes, wenn auch zermürbendes Virtuosen-Leben. Sein Erfolgsrezept?

„Il faut risquer“

Wieniawskis Spiel muss einzigartig gewesen sein. In Bogenhaltung und Vibrato hat er die Geigentechnik revolutioniert. Sein Wahlspruch „il faut risquer“ („man muss etwas wagen“) beschreibt eine wichtige Seite von Virtuosität:

Es geht auch um Draufgängertum, um Wagemut und Tollkühnheit – mit dem Risiko des Scheiterns. Diesen rückhaltlosen Einsatz hat Wieniawski gebracht. Glissandi, Doppelgriffe, Arpeggi, Sechst-, Terz-, Oktavparallelen, chromatische Tonleitern, Flageoletttöne? Wird schon schief gehen.

Ein Violinkonzert für St. Petersburg

All das findet sich auch in Wieniawskis 2. Violinkonzert d-Moll. Er schreibt es in den 1860er Jahren in seiner Zeit als Lehrer am Konservatorium in St. Petersburg und widmet es dem Konkurrenten und Freund Pablo de Sarasate.

Es ist ein romantisches Virtuosenkonzert par excellence mit einer langen Orchestereinleitung (wo man fast ungeduldig auf den erlösenden Einsatz der Geige wartet), einem langsamen Satz – wie eine Opernromanze angelegt – und einem gepfefferten Finalsatz.

Ein Leben auf der Überholspur

Sein 2. Violinkonzert wird sein letztes bleiben. Wieniawski stirbt früh mit 44 Jahren, das Herz streikt. Er hat bis zum Schluss seine Gesundheit mit mörderischen Tourneen gefordert. Schon 1878 bricht er bei einer Aufführung seines 2. Violinkonzerts in Berlin zusammen. Er macht weiter.

Zwei Jahre später stirbt er auf dem Landgut von Tschaikowskys Mäzenin Nadeshda von Meck. Geld ist keins übrig, seine Familie überlebt dank einer Spendenaktion von Freunden. Das Ende eines rastlosen Virtuosenlebens.

Clara-Jumi Kang

Clara-Jumi Kang, 1987 in Mannheim geboren, hat südkoreanische Wurzeln. Ihre Eltern sind Opernsänger. Mit sieben Jahren bekommt sie – nachdem sie Vorschülerin an der Mannheimer Musikhochschule war – ein Stipendium an der New Yorker Juilliard School und studiert bei Dorothy Delay. Später in Lübeck bei Zakhar Bron und bei Christoph Poppen in München. Dort lebt sie auch.

Sie spielt auf einer Stradivarius „ex-Strauss“ von 1708, die ihr die Samsung Cultural Foundation Korea als Leihgabe zur Verfügung gestellt hat.

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