Musikstück der Woche vom 19.7. bis 25.7.2010 Sinfonie ohne Uhr...

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... und warum es in Haydns Sinfonie Nr. 101 trotzdem tickt

Als Haydn seine Londoner Sinfonie Nr. 101 D-Dur schrieb, dachte er nicht im Entferntesten an ein tickendes Uhrwerk. Den populären Beinamen „Die Uhr“ dachte sich erst später ein Wiener Verleger aus. Im Musikstück der Woche spielt das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg die beliebte Sinfonie, dirigiert von Sylvain Cambreling. Das Konzert fand am 4. November 2007 im Freiburger Konzerthaus statt.

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'Bloß' ein Ticken im zweiten Satz

Es klopfte an Arturo Toscaninis Künstlerzimmertür. Der italienische Dirigent seufzte. Nicht mal zwei Minuten Ruhe hatte er nach der Aufführung von Haydns Sinfonie Nr. 101 und schon wollte wieder irgendein Wiener Musikkritiker seine Fragen loswerden. Der inzwischen sechzigjährige Toscanini seufzte noch einmal, dann öffnete er mit einem halbherzigen Lächeln die Tür – und stand einem unbekannten Mann gegenüber, der weder Notizblock noch Stift dabeihatte. Also doch kein Musikkritiker? "Herr Toscanini, ich habe mir eben Ihr Konzert angehört", begann der Mann. "Und, hat es Ihnen gefallen?" – "Nun, um ehrlich zu sein, war ich enttäuscht von der Sinfonie 'Die Uhr'. Ich habe erwartet, ein Tongemälde über die Uhr zu hören, so etwas wie 'Die Geschichte der Uhr' oder dergleichen. Aber da war ja bloß im zweiten Satz ein Ticken zu hören."

Diese Gegebenheit aus dem Jahr 1928 – ob sie sich nun exakt so zugetragen hat oder nicht – zeigt, welche hohen, manchmal auch zu hohen Erwartungen ein Beiname hervorrufen kann. Ausgedacht hatte ihn sich Johann Traeg, ein Wiener Verleger. Er wollte 1798 eine Klavierfassung des Andante aus der Sinfonie Nr. 101 herausgeben und suchte nach einem griffigen Namen. Schließlich kam er auf: "Rondo. Die Uhr" und landete einen Erfolg.

Haydn selbst dachte wohl nicht an das Ticken einer Uhr, als er vier Jahre vorher an der Sinfonie arbeitete. Die Achtelfiguren der Pizzikato-Streicher und Fagotte sollen eher einen gegliederten Zeitablauf bewusst machen. Ein Element, das nicht nur bei Haydn, sondern in der gesamten Musik aus der klassischen Epoche immer wieder vorkommt. Der erste Satz beginnt im Adagio und klingt noch dunkel, verhalten. Das komplette Gegenteil ist das Presto, das nun folgt. Virtuos und heiter leitet es über zum "Uhrenthema" des zweiten Satzes. Im Trio dürfen die Flöten und Fagotte solistisch konzertieren, bevor es ins Finale geht. Haydn spielt hier mit seinem Publikum, indem er Überraschungsmomente einbaut: Plötzlich beginnt eine pp-Fuge und völlig unerwartet landet das Stück in Moll.

Die Sätze zwei bis vier hat Haydn noch in Wien komponiert, den ersten, als er sich schon auf seiner zweiten Englandreise befand.

Sylvain Cambreling und das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

Die Geschichte des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg reicht in das Jahr 1946 zurück. Sie ist geprägt von unroutiniertem Umgang mit der Tradition, Aufgeschlossenheit für das Neue und Ungewöhnliche: Tugenden, über die auch Chefdirigent Sylvain Cambreling in ungewöhnlichem Maße verfügt, der seit 1999 mit dem Orchester arbeitet. Er bildet, zusammen mit seinem Vorgänger Michael Gielen und Hans Zender als ständigen Gastdirigenten, ein Triumvirat, wie es in der internationalen Orchesterlandschaft beispiellos ist. 

Dass man mit hohen Ansprüchen Erfolg haben kann, beweist das Orchester bis heute. Mehr als 300 von ihm eingespielte Kompositionen sind auf CD erschienen, und es reist seit 1949 als musikalischer Botschafter durch die Welt. Zahlreiche Gastspiele verzeichnet die Orchesterchronik, darunter regelmäßig zum Festival d’Automne Paris, den Salzburger Festspielen, nach Wien, Berlin und Edinburgh, Brüssel, Luzern, Strasbourg, Frankfurt... 

Das Sinfonieorchester Baden-Baden Freiburg (Foto: SWR, SWR - Klaus Polkowski)
Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg SWR - Klaus Polkowski

1999 spielte das Orchester in der New Yorker Carnegie Hall u.a. die amerikanische Erstaufführung von Bernd Alois Zimmermanns "Requiem für einen jungen Dichter". Vielbeachtete Großprojekte fanden in den letzten Jahren unter anderem bei den Salzburger Festspielen, bei der 1. RUHRtriennale und in der Kulturhauptstadt Europas Graz statt. 2005/06 wurden - neben dem orchestereigenen 60. Geburtstag - sowohl Mozarts 250. als auch Helmut Lachenmanns 70. Geburtstag in etwa einem Dutzend Konzerten zwischen Wien und Paris, Brüssel und Berlin gefeiert.

Ungewöhnliche Konzert-Konzepte unterstreichen das besondere Profil des Orchesters: So etwa die Verschränkung von Haydns "Sieben letzten Worten" in einer den Raum einbeziehenden Bearbeitung von Sylvain Cambreling mit Messiaens "Et exspecto resurrectionem mortuorum" und literarisch-theologischen Betrachtungen von Martin Mosebach, oder eine "Hommage à Mozart" gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester.

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