Musikstück der Woche mit Michael Nagy

Johannes Brahms: Vier ernste Gesänge op. 121

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AUTOR/IN
Doris Blaich

Musikstück der Woche vom vom 1.11 bis 8.11.2010

Johannes Brahms: Vier ernste Gesänge op. 121

Reflexionen über den Tod in Liedform: Wir starten musikalisch in den November mit den „Vier ernsten Gesängen“ von Johannes Brahms. In unserer Aufnahme singt der Bariton Michael Nagy, Juliane Ruf begleitet am Klavier. Ein Live-Mitschnitt von den Bruchsaler Schlosskonzerten im März 2010.

Die Zeit, in der Brahms seine „Vier ernsten Gesänge“ schrieb, war für ihn von Schmerz und Verlusten geprägt. Es waren die Jahre zwischen 1892 und 1896; Brahms hatte den Tod besonders vieler Menschen zu verkraften, die ihm nahe standen: 1892 starb seine enge Freundin und heimliche Liebe Elisabet von Herzogenberg, wenig später verlor Brahms seine Schwester und einen engen Künstlerfreund, den Dirigenten Hans von Bülow. Als Clara Schumann 1896 nach längerer Krankheit starb, waren die Lieder bereits fertig. Brahms äußerte: „Nicht gerade aus Anlaß ihres Todes habe ich sie komponiert, aber die ganze Zeit her hatte ich eben wieder recht viel über den Tod nachgedacht, dessen ich ja oft und oft Gelegenheit habe zu gedenken.“

Aufführung im Freundeskreis

Nach Clara Schumanns Beerdigung verbrachte Brahms einige Tage in Bad Honnef am Rhein im Kreis seiner Freunde. Max Ophüls schildert seine Erinnerungen an die gemeinsame Zeit: „Nach dem Musizieren machten wir Herren einen Spaziergang über die umliegenden waldigen Hügel. Als wir in anregendem Gespräch so dahingingen, sagte Brahms plötzlich: ‚Ich habe mir zu meinem Geburtstag ein paar Lieder komponiert, es sind ganz gottlose Lieder, aber ihre Texte stehen Gott sei Dank in der Bibel.“ Nach dem Mittagessen, so schreibt Ophüls weiter, holte Brahms „aus seinem Koffer die Manuskriptnotenblätter in länglichem Querformat ... Dann begann er die ‚Vier ernsten Gesänge‘ zu spielen und dazu zu singen; es war mehr ein gesteigertes Deklamieren der Bibelworte in Töne, die er mit seiner heiseren Stimme von sich gab; und was wir da hörten, war alles andere als Kunstgesang. Und doch hat denselben gewaltigen Eindruck, den die Gesänge in dieser improvisierenden Wiedergabe durch ihren Schöpfer damals machten, seither kein Sänger mehr in mir zu erwecken vermocht ... Der dritte Gesang – O Tod wie bitter bist Du – ergriff ihn so stark, daß ihm bei dem rührenden Schluß – O Tod, wie wohl tust Du – die dicken Tränen die Backe hinabrollten und er diese letzten Textworte mit fast tränenerstickter Stimme mehr in sich hineinhauchte.“

Quintessenz

Die „Vier ernsten Gesänge“ sind ein Requiem in Liedform, die Quintessenz von Brahms’ Liedschaffen, in dem er einen volksliedhaften Ton und die archaisch-expressive Sprache seines „Deutschen Requiems“ miteinander verbunden hat.
Der Brahms-Forscher Siegfried Kross schreibt über die Intensität des Ausdrucks dieser Lieder: „So kann eben nur ein Komponist schreiben, der sein ganzes Leben und seine gesamte künstlerische Entwicklung hindurch mit einer beispiellosen Konsequenz und ständigen Reflexion des Erarbeiteten sich die Möglichkeiten und Mittel seiner Kunst zu eigen gemacht hat.“

Michael Nagy, Bariton

Seine erste musikalische Ausbildung erhielt Michael Nagy bei den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben. In Stuttgart, Mannheim und Saarbrücken studierte er sowohl Gesang bei Rudolf Piernay, der ihn stimmlich weiterhin betreut, als auch Liedgestaltung bei Irwin Gage und Dirigieren. Seine Ausbildung rundete er in Meisterkursen bei Charles Spencer, Rudolf Piernay und Cornelius Reid ab. 2004 gewann er zusammen mit der Pianistin Juliane Ruf den Internationalen Wettbewerb für Liedkunst der Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart.

Die Gattung Lied gehört zu Michael Nagys besonderen Vorlieben. Aber er ist auch im Konzert- und Oratorienfach zu Hause, und ebenso auf der Opernbühne. Den Beginn seiner Karriere als Opernsänger markierte ein Engagement an der Komischen Oper Berlin, mit der Spielzeit 2006/07 wechselte er an die Oper Frankfurt, wo er unter anderem große Mozart-Partien sang (Guglielmo und Papageno) und zuletzt mit Brittens „Owen Wingrave“ ein umjubeltes Rollendebüt feierte. In der Saison 2010/11 ist er in Frankfurt als Jason in Aribert Reimanns „Medea“ zu sehen, außerdem als Dr. Falke in der „Fledermaus“. Im Frühjahr 2010 gastierte er erstmals am Opernhaus Oslo und an der Bayerischen Staatsoper München. 2011 debütiert Michael Nagy bei den Bayreuther Festspielen, wo er unter Leitung von Thomas Hengelbrock den Wolfram in Wagners „Tannhäuser“ singt.

Juliane Ruf, Klavier

Schon während ihres Liedstudiums bei Irwin Gage gewann Juliane Ruf zahlreiche Wettbewerbe, u. a. im Duo mit Michael Nagy den Internationalen Wettbewerb für Liedkunst Stuttgart. Sie konzertiert unter anderem beim "Klavierfestival Ruhr", im Konzertcentrum deSingel Ant werpen, in der Wigmore Hall London und in der Reihe "Freunde des Liedes“ Zürich.

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Doris Blaich