Musikstück der Woche vom 4.5. bis 10.5.2009

Die Verwandlung der "Gärtnerin aus Liebe"

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AUTOR/IN
Kerstin Unseld

Zum Münchner Fasching 1775 schrieb Wolfgang Amadeus Mozart seine Oper "La finta giardiniera". Aus der Ouvertüre machte er kurz danach seine Sinfonie D-Dur KV 196 und 121 (207a).

Am 17.06.2006 konzertierte das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Leitung seines Chefdirigenten Sylvain Cambreling im Kurtheater Bad Ems mit Mozarts 'verwandelter' Opernouvertüre.

Eigentlich ein Pasticcio

In Konzertführern sucht man Mozarts D-Dur Sinfonie aus dem Jahre 1775 meist vergebens, denn eine Sinfonie im klassischen Sinne ist sie gar nicht. Eigentlich ist sie ein Pasticcio, also eine Zusammensetzung verschiedener Musiken. Da ist zunächst die Ouvertüre der Oper "La finta giardiniera" KV 196, die Mozart für die beiden ersten Sinfoniesätze verwandte. Und schließlich kommt das Allegro eines Divertimentos (KV 121) dazu, aus dem der dritte Sinfoniesatz wurde. Zusammen ergeben sie eine hübsche Sinfonie des damals knapp 20-jährigen Mozart. Seiner Mutter hatte Mozart noch im Januar 1775 über die Uraufführung von "La finta giardiniera" geschrieben: "Gottlob! Meine opera ist gestern in scena gegangen; und so gut ausgefallen, daß ich der Mama den lärmen ohnmöglich beschreiben kan." Wieder zurück in Salzburg komponierte er vermutlich Allegro KV 121, beflügelt von seinem Opernerfolg in München und wild entschlossen, sich als Komponist einen Namen zu machen. Längst schmiedete Mozart wieder Opernpläne und arbeitete an "Il Rè pastore", da mag er geschwind eine Sinfonie aus Vorhandenem "componiert" also "zusammengesetzt" haben. So jedenfalls kann man es sich vorstellen, ohne über die Entstehung dieser D-Dur-Sinfonie mit den zwei Köchelnummern Genaueres zu wissen. Die Ouvertüre seines jüngsten Opernerfolgs in München bestand praktischerweise bereits aus zwei Sätzen (Allegro molto und Andantio grazioso), ein Allegro lies sich relativ rasch aus 217 Takten 'zimmern'. Fertig war eine neue Sinfonie, die später - keineswegs chronologisch - als Sinfonie Nr. 51 gezählt wurde.

Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Foto: SWR, SWR - Lamparter)
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg SWR - Lamparter

Die Geschichte des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg reicht in das Jahr 1946 zurück. Sie ist geprägt von unroutiniertem Umgang mit der Tradition, Aufgeschlossenheit für das Neue und Ungewöhnliche: Tugenden, über die auch Chefdirigent Sylvain Cambreling in ungewöhnlichem Maße verfügt, der seit 1999 mit dem Orchester arbeitet. Er bildet, zusammen mit seinem Vorgänger Michael Gielen und Hans Zender als ständigen Gastdirigenten, ein Triumvirat, wie es in der internationalen Orchesterlandschaft beispiellos ist.

Dass man mit hohen Ansprüchen Erfolg haben kann, beweist das Orchester bis heute. Mehr als 300 von ihm eingespielte Kompositionen sind auf CD erschienen, und es reist seit 1949 als musikalischer Botschafter durch die Welt. Zahlreiche Gastspiele verzeichnet die Orchesterchronik, darunter regelmäßig zum Festival d’Automne Paris, den Salzburger Festspielen, nach Wien, Berlin und Edinburgh, Brüssel, Luzern, Strasbourg, Frankfurt...

1999 spielte das Orchester in der New Yorker Carnegie Hall u.a. die amerikanische Erstaufführung von Bernd Alois Zimmermanns "Requiem für einen jungen Dichter". Vielbeachtete Großprojekte fanden in den letzten Jahren unter anderem bei den Salzburger Festspielen, bei der 1. RUHRtriennale und in der Kulturhauptstadt Europas Graz statt. 2005/06 wurden - neben dem orchestereigenen 60. Geburtstag - sowohl Mozarts 250. als auch Helmut Lachenmanns 70. Geburtstag in etwa einem Dutzend Konzerten zwischen Wien und Paris, Brüssel und Berlin gefeiert.

Ungewöhnliche Konzert-Konzepte unterstreichen das besondere Profil des Orchesters: So etwa die Verschränkung von Haydns "Sieben letzten Worten" in einer den Raum einbeziehenden Bearbeitung von Sylvain Cambreling mit Messiaens "Et exspecto resurrectionem mortuorum" und literarisch-theologischen Betrachtungen von Martin Mosebach, oder eine "Hommage à Mozart" gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester. 

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Kerstin Unseld