Musikstück der Woche mit Maria-Elisabeth Lott und Frank Dupree Henryk Wieniawski: Fantaisie brillante über Motive aus der Oper "Faust" von Gounod

Für Violine und Orchester, op. 20. Fassung für Violine und Klavier| Musikstück der Woche vom 24.07.2017

Seit der Uraufführung im Frühling 1859 eroberte sie die Opernhäuser Europas im Sturm: Charles Gounods Oper Faust. Ihre unnachahmliche Mischung aus Romantik und Nervenkitzel sorgte für Beifallsstürme. Die große Beliebtheit des Werks machte sich auch der Violinvirtuose Henryk Wieniawski für eines seiner mitreißendsten Bravourstücke zunutze.

Die "Fantaisie brillante über Motive aus Faust op. 20" komponierte der berühmte Teufelsgeiger 1865, als Gounods Oper den Zenit ihres Ruhms erreicht hatte. Maria-Elisabeth Lott und Frank Dupree – beide höchst erfolgreiche Absolventen der Karlsruher Musikhochschule – setzten das Werk Anfang 2017 in der Alten Kirche Fautenbach auf ihr Programm.

Neue Chancen in St. Petersburg

1835 im polnischen Lubin geboren, besuchte hochbegabte Henryk Wieniawski schon mit acht Jahren das Pariser Konservatorium. Dem Abschluss folgte ein unstetes Leben als reisender Virtuose durch Russland, Deutschland, Belgien und England. 1860 wurde Wieniawski auf Vermittlung seines Freundes Anton Rubinstein zum Hofgeiger in St. Petersburg ernannt – eine in künstlerischer und gesellschaftlicher Hinsicht traumhafte Stelle, von der er sich nicht zuletzt einen Zielpunkt in einem ansonsten rastlosen Künstlerleben versprach. So nutzte Wieniawski seine neue Position, um gemeinsam mit Rubinstein das Moskauer Konservatorium aufzubauen. In den Sommermonaten tourte er dagegen unentwegt durch Russland und Europa.

Die Lust, auf großen Bühnen zu stehen, verlor der temperamentvolle Geiger nie. Für das nach Bravourstücken lechzende Publikum waren immer wieder neue Preziosen nötig. Die Faust-Fantasie, die heute – neben den beiden Violinkonzerten – zu Wieniawskis ausgereiftesten Werken zählt, schrieb sich der Dreißigjährige selbst auf den Leib.

Instrumentales Schattenspiel

Faust, Maguerite, Méphistophélès – die Figuren der auf Goethes Dichtung basierenden Handlung lässt der Komponist wie in einem instrumentalen Schattenspiel auferstehen, wobei ihm die Arien der Protagonisten als Inspirationsquellen dienen. Der erste von insgesamt fünf  Abschnitten ist Faust selbst gewidmet: düstere Klavierakkorde, von der Geige hoch dramatisch fortgeführt, zeichnen Fausts grüblerischen, suchenden Charakter. Der zweite, gesanglichere Teil portraitiert Valentin, den Bruder Maguerites. Das ursprünglich von Méphistophélès selbst intonierte Rondo vom goldenen Kalb – einer der Gassenhauer aus der Oper – verwandelt Wieniawski im Violinpart in atemberaubende Kaskaden aus Doppelgriffen, Flageoletttönen und Staccatoläufe, die bis in den Himmel ragen. Doch dem Komponisten ging es nicht allein um Effekthascherei, auch die kammermusikalische Verzahnung beider Instrumente spielt eine Rolle. Das beweist etwa das unmittelbar folgende, gefühlvolle Klavier-Intermezzo. Und schon in den Schlusstakten der Variation über die Arie der Maguerite ("Je veux t’aimer") klingt im Klavier der Dreivierteltakt des furiosen Schlusswalzers an, den noch einmal eine Stretta voller Akkordbrechungen und Doppeloktaven krönt.

Wieniawski ließ die Faust-Fantasie zweimal drucken: für Violine und Orchester in Leipzig, in Paris dagegen in der Fassung für Violine und Klavier. Letztere hatte der Komponist vermutlich im Gepäck, als er St. Petersburg im Juni 1872 endgültig den Rücken kehrte. Zusammen mit Rubinstein tourte er anschließend jahrelang durch die USA – die Tätigkeit am Zarenhof hatte ihn, trotz aller Sicherheiten, doch zu sehr eingeengt. 

Maria-Elisabeth Lott (Violine)

Maria-Elisabeth Lott war ein Wunderkind. Mit drei Jahren fing sie an Violine zu spielen, später Klavier und mit acht Jahren kam sie als eine der jüngsten Vorstudentinnen Deutschlands an die Hochschule für Musik Karlsruhe. Nach ihrem Masterstudium legte sie 2015 ihr Solistenexamen mit Auszeichnung ab und wurde im April dieses Jahres als Professorin an die Hochschule für Musik Detmold berufen.

Wolfgang Amadeus Mozart spielt eine Schlüsselrolle in Maria-Elisabeth Lotts Biografie. Mit seinem Violinkonzert G-Dur stand sie 1995 erstmals auf der großen Bühne. Es folgten zahlreiche Konzerte und Fernseh- und Radioauftritte – von ARD und ZDF bis zum BBC London und Sendern in den USA. 1998 präsentierte das ORF-Fernsehen Maria-Elisabeth Lott als Gewinnerin eines Wettbewerbs, dessen Preis darin bestand, Mozarts Jugendvioline zu spielen. Mit diesem Instrument nahm sie zusammen mit dem Mozarteum-Orchester Salzburg und mit ihrer Klavierlehrerin Sontraud Speidel am Hammerflügel 1999 bei EMI Classics ihre erste CD auf.

Seit ihren Konzertdebüts in den USA und London 2000 und 2001 reist Maria-Elisabeth Lott durch die Welt und spielt sich über die Podien von London bis New York. Sie stand schon mit internationalen Orchestern wie dem London Philharmonic Orchestra oder dem China National Orchestra unter renommierten Dirigenten wie Fabio Luisi oder Jonathan Nott auf der Bühne und ist auch kammermusikalisch ein gern gesehener Gast in Konzerthäusern und bei Festivals. Für ihre besondere Musikalität wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Eduard-Söring-Preis der Deutschen Stiftung Musikleben. 

Frank Dupree(Klavier)

Frank Dupree ist auf der Überholspur. Der gebürtige Badener gehört zur aufstrebenden jungen Pianistengeneration und versucht mit von ihm initiierten Konzertreihen das aktuelle Musikleben neu zu gestalten.

Seit seinem sechsten Lebensjahr spielt Frank Dupree Klavier. Obwohl er schon als Kind äußerst talentiert war, widmete er sich erst einmal dem Schlagzeug, bevor er sich für eine Karriere als Pianist entschied. Seit 2015 studiert er an der Hochschule für Musik Karlsruhe im Master Klavier und besucht Meisterkurse von Emanuel Ax bis Stephen Kovacevich. Frank Dupree ist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe und Stipendien, u.a. der Deutschen Stiftung Musikleben. Mit dem Gewinn des Deutschen Musikwettbewerbs 2014 reiste er in der Saison 2015/16 durch mehr als 30 deutsche Städte und konzertierte – egal ob solistisch oder kammermusikalisch – u.a. beim Schleswig-Holstein-Musikfestival und dem Festival de Musique Montreux-Vevey.

Seit 2016 gestaltet Frank Dupree mit seiner eigenen Konzertreihe CONNECT IT! stilübergreifende Programme und startete mit SIXchange eine Initiative, mit der er sowohl in der Musik als auch im Konzert neue und vor allem kreative Wege gehen will, um bei Aufführungen aktiver mit dem Konzertpublikum in Kontakt zu treten. Im Sommer 2015 erschien seine Debüt-CD Opus 1 beim Label GENUIN classics, seit dieser Saison ist er Artist in Residence bei der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz.

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