STAND
AUTOR/IN

Audio herunterladen (10,8 MB | MP3)

„Inniges, schmerzliches Verlangen nach jemandem oder etwas“ lautet die Dudendefinition für das Wort „Sehnsucht“. Im Pandemiejahr 2020 hatte dieses melancholische Phänomen wahrscheinlich eine besondere Stellung. Vielleicht war das ein Impuls für den Verlag der edition momente, dieses Thema in Kalenderform zu fassen? Das Motto des neuen Musikkalenders 2021 lautet „Musiker und ihre Sehnsuchtsorte“. Real oder erträumt, verloren oder nie erreicht? Seniva Winterwerb hat sich durch den Kalender geblättert.

„Man fragt sich oft, warum ich abgelehnt habe, mich der Berliner Oper anzunehmen, oder warum ich nicht die Met in New York anpeile. Meine Antwort ist immer dieselbe: Weil ich Paris liebe! Aus meinem Fenster sehe ich Saint-Gervais, die Sainte-Chapelle, Notre-Dame, das Pantheon und die Seineufer bis zu Conciergerie. Frühmorgens scheint mir Paris am schönsten. Jeden Vormittag, wenn ich mich am Louvre vorbei in die Oper begebe, wiederholt sich der Zauber. Ob man es selber merkt oder nicht, eine Stadt kann einen ebenso beeinflussen, wie eine menschliche Beziehung.“

Rolf Liebermann

Rolf Liebermann, Komponist und ehemaliger Intendant der Pariser Oper lernte das Paris der 70-er Jahr kennen und lieben! In dunklem Mantel und Hut in der Hand sieht man ihn die Treppe am Ufer der Seine aufsteigen. Er sieht dabei schon aus, wie ein Pariser Ureinwohner, obwohl ihm, dem Pünktlichkeit gewohnten Schweizer, das legere französische Leben anfangs fremd war.           

„Sehnsuchtsorte von Musikern“ versammelt der neue Musikkalender der edition Momente.  Und die könnten unterschiedlicher gar nicht sein, so komplex „die Sehnsucht“ eben ist und vor allem höchst individuell. Peter Tschaikoswkys Sehnsucht klingt etwas diffuser. Hauptsache weit weg….und nur nicht auf der Stelle stehen.

„Den größten Teil des Jahres möchte ich auf dem Lande leben,(…) Ich möchte auch einige Zeit an solchen Orten wie Clarens oder wie Florenz verbringen. Mit einem Wort, ich möchte eine Zeitlang solch ein Nomadenleben führen wie im vergangenen Jahr. Wie glücklich wäre ich, wenn ich diese Freiheit genießen könnte, wie viel und wie gut würde ich dann komponieren, wie friedlich würde ich mich fern von all diesen Intrigen fühlen.“

Peter Tschaikowsky

Diese Fluchtgedanken Tschaikowskys passen ausgezeichnet zu seinem Portraitfoto über seinem Zitat. Da blickt er, mit Vollbart und noch sehr jung, geradezu schmollend in die Ferne! Aus einem Briefwechsel, den er mit der Mäzenin Nadesha von Meck führte, stammen seine Worte.  Ein paar der edlen Kalenderblätter weiter, wartet die sehnsüchtige Komponistin Fanny Hensel (damals hieß sie noch Mendelsohn-Bartholdy) und blickt im Geiste wohl in Richtung Süden, mit Blumenkranz im Haar und schulterfreiem Kleid. Das eindrucksvolle Portrait zeichnete ihr Verlobter Wilhelm Hensel.

"Ich erinnere mich in meinem Leben nicht leicht, in 24 Stunden so viel Erstaunen, Bewunderung, Rührung, Freude empfunden zu haben als in diesem wunderbaren Venedig! Seit wir hier sind, hab‘ ich fast noch keine trockenen Augen gehabt – völlig bezaubernd ist der Anblick dieser Wunderstadt. Schon wenn man sich nähert und sie auf dem Wasser schwimmend erblickt, sieht es sich großartig und märchenhaft zugleich an."

Fanny Hensel

Im Herbst 1839 reiste Fanny Hensel mit ihrem Mann und ihrem Sohn Sebastian über Venedig und Florenz nach Rom und Neapel. Ihr italienisches Tagebuch, aus dem das Zitat stammt, zeugt von dieser beglückenden Reise.

Die Erweckung einer Sehnsucht kann verschiedene Ursachen haben: Eine Stimme, ein Geruch, ein bestimmter Geschmack. Am besten schafft es wohl aber die Musik, die süße Bitterkeit von Sehnsucht hervorzurufen und sie mit konkreten Bildern zu verknüpfen.

"In diesen Klavierklängen war die wienerische Sinnlichkeit, hier schimmerten Perlen und Frauennacken, hier klang es nach Küssen, hier dufteten die Wiener Gärten, hier freute man sich des Wiener Lebens, hier kostete man feinschmecklerisch alle Süßigkeiten aus, kurz, Alfred war der Wiener Pianist, wie Strauß der Wiener Geiger."

Max Graf

Der Musikkritiker Max Graf beschreibt hier (1924) die Klavierkünste von Alfred Grünfeld. Der galt mit seinen Konzertparaphrasen von Strauß-Walzern als „der Klavierspieler Wiens“.

Der Musikkalender der edition momente:
53 Wochenblätter mit sehnsüchtigen Zitaten von Musikerinnen und Musikern, Portraits der Zitierten oder Momentaufnahmen aus dem Leben. Dazu Bild- und Textlegenden, Kurzbiografien und ein aktuelles Kalendarium: Unter jedem Datum sind Geburts- und Todestage berühmter Musiker verzeichnet. Viel mehr also als ein Wandschmuck ist dieser Kalender der edition momente:
Anekdotensammlung, Bildband und Nachschlagewerk.

STAND
AUTOR/IN