Naxos DVD & CD-Box mit Einzelporträts großer Belcanto-Tenöre

Spannende Zeitreise

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AUTOR/IN
Moritz Chelius

DVD-Tipp vom 5.7.2018

Bis heute wird er von Sängern in aller Welt verehrt: der 1960 verstorbene schwedische Tenor Jussi Björling. Auf der Bühne wirkte er manchmal ein wenig plump, aber kaum einer sang derart ausgeglichen - in allen Registern. 

..sagt Jürgen Kesting. Er ist Autor von Standardwerken über den Gesang und der vielleicht wichtigste Experte für diese DVD-Sammlung. Man sieht ihn zuhause im Wohnzimmer, wo er Schellackplatten, Tonbänder oder CDs auflegt. Kesting und eine ganze Reihe anderer Fachleute, vor allem aus dem angloamerikanischen Raum, machen auf Besonderheiten der jeweiligen Stimme aufmerksam. Zum Beispiel beim irischen Tenor John MacCormack, der es verstand, die Vokale melancholisch zu färben, beim Österreicher Leo Slezak, der mühelos die höchsten Töne erreichte, oder bei Richard Tauber, dessen Stimme vor allem bei Frauen beliebt war.

Zwölf Folgen von jeweils knapp 30 Minuten Länge hat Regisseur Jan Schmidt-Garre für die Serie Belcanto produziert. Jede widmet sich einem Tenor, für jede hat er viele Stunden historische Ton- und Filmaufnahmen gesichtet und ausgewählt. Zum Beispiel bei Lauritz Melchior: Den großen Wagner-Helden-Tenor erlebt man beim Einsingen im Garderobenbereich, oder man sieht ihn bei einer Aufzeichnung im Studio, wie er seine hohen Töne in einen Schalltrichter schmettert. Astrid Varnay erzählt, was sie von Melchior gelernt hat, und sein Sohn Ib Melchior besucht Wieland Wagner in Bayreuth, wo sie in alte Notenausgaben des Vaters schauen.

Manchmal kommen die Tenöre auch selbst zu Wort. In einem historischen Interview erzählt Melchior von einem Treffen mit Cosima Wagner.

Die Belcanto-Serie ist nicht neu produziert. 1996 liefen die 12 Folgen schon im Fernsehen. Damals gewannen sie viele Preise, auch heute sind sie noch sehenswert. Auch, weil sie im doppelten Sinn historisch sind: „Belcanto“ reflektiert die Interpretationsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf dem Stand der 90er Jahre. Aber vor 25 Jahren lebten zum Beispiel in New York noch Zeitzeugen, die als junge Männer Enrico Caruso auf der Bühne erlebt haben. Michael Sisca:

Die Tenor-Porträts werden ergänzt durch eine Bonus-DVD mit längeren Interviews und alten Kino-Filmtrailern. Mit in der Box ist auch ein Buch mit Essays über die Geschichte und Ästhetik des Belcanto-Gesangs, leider nur auf englisch und mit ziemlich vielen Fachtermini. Eine sehr schöne Ergänzung bilden 2 CDs. Darauf sind fast alle Stücke, die in den Filmen vorkommen. Hier kann man zum Beispiel Alessandro Moreschi hören, den letzten Kastraten der Sixtinischen Kapelle, in einer Aufnahme von 1904.

Manches, wie diese Kastratenstimme, wirkt sehr eigenwillig, so würde heute keiner singen. Aber je mehr Belcanto-Folgen man schaut und je öfter man in die CDs reinhört, desto mehr hört man sich auch ein, desto mehr empfindet man das Eigenwillige als Bereicherung. Und das Rauschen stört auch immer weniger. So macht „Belcanto - the tenors of the 78 era“ Lust auf mehr, und ist dabei vor allem eins: eine spannende Zeitreise.

DVD-Tipp vom 5.7.2018 aus der Sendung SWR2 Cluster

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Moritz Chelius