CD-Tipp Beethovens Missa Solemnis mit Frieder Bernius

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Ludwig van Beethovens Missa Solemnis in einer neuen Aufnahme mit dem Kammerchor Stuttgart und der Hofkapelle Stuttgart unter der Leitung von Frieder Bernius. Unter Sängern gilt die Missa Solemnis als Brüllstück, das gegen die Stimme geschrieben ist, unangenehm in den Lagen, extrem in der Dynamik. Frieder Bernius möchte das Werk von diesem schlechten Ruf befreien.

Endlich!

Wie lange haben wir darauf gewartet! Endlich eine Aufnahme von Beethovens Missa solemnis, bei der man der Musik zuhören kann, der Komposition - und nicht immer wieder abgelenkt wird durch Sänger, die klingen, als litten sie Höllenqualen.

Missa solemnis von ihrem schlechten Ruf befreit

Frieder Bernius hat eine neue Aufnahme der Missa Solemnis veröffentlicht. Und er hat sich, so schreibt er im Booklet, etwas vorgenommen: die Missa solemnis von dem schlechten Ruf zu befreien, den sie unter Sängern hat. Dort gilt sie als Brüllstück, das gegen die Stimme geschrieben ist. Unangenehm in den Lagen, extrem in der Dynamik, sehr anspruchsvoll in der skalenorientierten Virtuosität, den radikalen Modulationen, den Brüchen. Das Schlimmste aber ist: Die Sänger hören sich nicht. Alle, ob Solist oder Chorist haben bei diesem Stück das Gefühl, das ihre Stimme vom Orchester geschluckt wird.

Ausgeklügelte Besetzung

Frieder Bernius geht das Problem systematisch an. Schon die klare Entscheidung für historische Instrumente macht vieles besser. Der rauhe Anklang der Blasinstrumente sorgt wie von selbst für die von Beethoven notierten Akzente und Sforzati. Die obertonreicheren Darmsaiten der Streichinstrumente machen den Singstimmen nicht die Klangfarbe streitig. Auch die Besetzung ist offensichtlich ausgeklügelt mit überraschenden 14 Sopranen und 11 Alti, aber nur 8 Tenören und 10 Bässen. Das Orchester wurde mit vergleichsweise wenig Streichern besetzt.

Der entscheidende Punkt aber ist wohl, dass Bernius seine Orchestermusiker in die Lage versetzt, kammermusikalisch zu musizieren und aufeinander zu hören. Wie er im Booklet erzählt, hat er die Noten akribisch präpariert, so dass jeder einzelne Musiker immer weiß, wann er eine obligate Funktion hat oder mit wem er gemeinsam spielt – dazu hat Bernius den Orchesterstimmen die gesungen Texte hineingeschrieben, so dass die Instrumentalisten die Artikulation und Phrasierung wie ein Sänger mitdenken können.

Plötzlich versteht man den Text

Ein Chor, der auch im Fortissimo noch wie mühelos und unangefochten über das Orchester hinwegkommt. Soprane, die mit kopfig-leichtem Klang perlende Läufe singen und sich geradezu genießerisch in himmlische Höhen schrauben. Alti, die wissen, dass die Klarinetten und Bratschen ersetzen, was sie in schlechter Lage nicht leisten können. Hörbar sind Chor und Orchester ein Organismus, der gemeinsam atmet, phrasiert und artikuliert. Plötzlich versteht man den Text. Und plötzlich ist genug Freiraum, um all die vielen Details herauszuarbeiten, die Beethoven dieser Missa einkomponiert hat. Lesen konnte man das in der Partitur ja schon immer. Aber endlich kann man es auch hören.

Ausgezeichnetes Ensemble

Ach ja, und das Solistenquartett: Johanna Winkel singt schlank wie eine Blockflöte, Sophie Harmsen meistert die undankbare Altpartie mit großer Wärme und Klarheit, dazu Sebastian Kohlhepp mit entspannt klingendem lyrischen Tenor und der finnische Bass Arttu Kataja, der das Kunststück vollbringt, zugleich ein schwarzer und dennoch schlanker Bass zu sein. Ein ausgezeichnetes Ensemble, das der konsequenten Linie dieser Aufnahme die Krone aufsetzt. Beim Carus Verlag ist diese Aufnahme erschienen.

CD-Tipp vom 07.05.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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