Axel Wolf spielt Musik von Michelangelo Galilei Neugieriger Vollblutmusiker

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CD-Tipp vom 11.5.2018

Musik und Mathematik

Musik hat viel mit Mathematik zu tun. Wer weiß schon, wie viele Musikschüler von ihrem Lehrer schon mit diesem Satz erschreckt worden sind? Aber er stimmt ja. Musik ist schließlich klingende Physik nach mathematischen Verhältnissen. Und wenn Tuchhändler und Musiker Vincenzo Galilei so um 1570 nicht Experimente angestellt hätte, zum Zusammenhang von Tonhöhe und Saitenspannung, und das unter physikalischen und mathematischen Gesichtspunkten? Wenn nicht - wäre Supersohn Galileo Galilei dann auch so ein eminentes, mathematisch physikalisches Forscherhirn geworden? Ohne die Starthilfe vom Forscherpapa? Nun ist Galileo Galilei mit all dem Hintergrund bis heute ziemlich berühmt als Genie. Aber wie das so ist bei Genies: Im Schatten ihrer Krone versauern manchmal etwas kleinere Genies, die dann nicht so berühmt werden. Galileo Galilei hatte tatsächlich einen kleinen Bruder: Michelangelo Galilei. Und der wurde, endlich ganz der Papa: Musiker. Michelangelo Galilei war immerhin ein Wunderkind an der Laute und geriet nach Umwegen über Polen und Litauen schließlich an den Münchner Hof. Richtig glücklich wurde er da nicht, er musste nicht nur anmutig die Laute schlagen, sondern auch die Fürstenkinder unterrichten und deren Instrumente warten.

Mit Geld umgehen konnte er offenbar nicht, denn er muss seinem Bruder häufig etwas von finanziellen Sorgen vorgejammert haben. Und Galileo, der Erstgeborene, tat das, was ältere Brüder in solchen Fällen tun: Er mäkelte an der Lebensführung des Kleinen herum. Galileo Galilei fand wohl auch die Druckkosten für Brüderchen Michelangelos Lautenbuch zu hoch. Gut, dass der seine Stücke trotzdem verlegt hat. Lautenist Axel Wolf lässt auf seiner neuen CD hören was da steht, im „primo libro d´intavolatura di liuto“, im ersten Lautenbuch. Galileo Galilei wurde immerhin 77 Jahre alt. Der kleine musizierende Genie-Bruder wurde nur Mitte 50, denn das Künstlerleben tat ihm nicht wirklich gut, er starb alkoholkrank und wohl in eher unharmonischen Familienverhältnissen 1631, 13 Jahre vor Galileo.

Breites musikalisches Spektrum

Lautenist Axel Wolf aus München, Interpret der neuen CD, war in seiner Jugend Klarinettist und Saxophonist in einer Jazzband, brachte es als Hobbygeiger immerhin zum Konzertmeister des örtlichen Schulorchesters und konnte nebenbei auch noch auf Klavier und Gitarre improvisieren. Zur Laute kam er spät, quasi en passant. Inzwischen ist der immer neugierige Vollblutmusiker einer der gefragtesten Lautenvirtuosen der Szene. Mit mehr als einem Dutzend CDs kann man nachvollziehen, wie breit das musikalische Spektrum von Axel Wolf ist. Mit der Musik Michelangelo Galileis, knusprig und doch intim aufgenommen, beweist er einmal mehr, welche spannenden Geschichten in und zwischen den Zeilen alter Musik noch lauern. Hier lohnt Booklet lesen und Hören gleichermaßen.

CD-Tipp vom 11.5.2018 aus der Sendung Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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