Porträt

Maurizio Pollini wird 80 – pianistischer Klangsensualismus

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Maurizio Pollini ist einer der ganz großen Pianisten unserer Zeit. 1942 in Mailand geboren wurde er zunächst als Chopin-Interpret, bald aber auch als brillanter Vorkämpfer der Neuen Musik an der Seite von Luigi Nono und Claudio Abbado gefeiert. Seine Interpretationen von Bach und Beethoven über Debussy und Schumann bis hin zu Nono und Stockhausen setzen bis heute Maßstäbe. Julia Spinola gratuliert ihm zum 80. Geburtstag.

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Weltberühmtheit mit Chopin

Als Achtzehnjähriger verblüffte Maurizio Pollini die hochkarätige Jury des Warschauer Chopin-Wettbewerbs – Arthur Rubinstein war damals ihr Ehrenpräsident – und erspielte sich den ersten Preis. Auf einzigartige Weise verbanden sich schon damals in seinem Spiel der analytische Sinn für Proportionen mit der technischen Brillanz eines Virtuosen.

Verzaubert aber hat er die Juroren mit seinem Klangsensualismus. Niemand sonst, heißt es in ihrer Begründung, sei Chopins Forderung, jeder Anschlag müsse den mattschimmernden Glanz einer Perle haben, so nahe gekommen. Zugleich war Pollinis Chopin meilenweit entfernt vom weich gezeichneten Klischee des gefälligen Salonkomponisten.

„kristallin, formklar, unsentimental“

Maurizio Pollinis Chopinspiel ist aufregend kristallin, formklar und unsentimental – ein Wunder an virtuoser Prägnanz. Eine leichte Unterkühltheit schwingt in der apollinischen Makellosigkeit der frühen Aufnahmen mit. Sie werden Legende.

Chopin war einer der kühnsten Komponisten der ganzen Musikgeschichte. Heute klingt das hübsch und sehr mild, aber er war sehr unnachgiebig und hart in einigen Stücken.

Die jungen Jahre Pollinis

Aufgewachsen ist Pollini in einer Mailänder Künstlerfamilie: der Vater war Architekt, die Mutter spielte Klavier und sang. Der Sieg beim Chopin-Wettbewerb öffnete dem Achtzehnjährigen die Türen zu einer internationalen Konzertlaufbahn – aber der junge Pollini steckte seine Energien zunächst lieber in weitere Studien, statt sich auf den Podien zu verschleißen. Anderthalb Jahre lang gab er keine Konzerte und nahm Unterricht bei dem legendären Arturo Benedetti Michelangeli.

Es wurden in Italien Experimente gemacht mit Konzerten und Begegnungen in Reggio Emilia und den umliegenden Dörfern. An diesen Aktivitäten habe ich eine Zeitlang teilgenommen. Die Idee, dass die Musik etwas sei, auf das jedermann Anspruch haben sollte, war damals zweifellos sehr stark.

Politisches Statement löst Eklat Aus

Mit 30 löste Pollini – bereits als Starpianist – in einem Mailänder Konzertsaal einen Eklat aus, der Schlagzeilen macht. Pollini wollte vor seinem Konzert eine Erklärung gegen den Vietnamkrieg verlesen. Das Publikum hatte darauf keine Lust und forderte ihn auf, sich endlich ans Klavier zu setzen.

Die Polizei wurde gerufen und beendete das Konzert noch bevor es begonnen hatte. Sein politisches Engagement hat sich Pollini bis in die Berlusconi-Zeit bewahrt.

Ein Musiker mit Prinzipien: Neue Musik gehört in die großen Konzertsäle

Früh ist Pollini seiner Maxime gefolgt, dass Neue Musik in die großen Konzertsäle gehört und nicht in Spezialistenfestivals abgeschoben werden soll. „Es wäre für das Publikum, für die Musik und für die Interpreten wichtig, dass diese Musik besser verstanden wird“, so Pollini.

Immer wieder sucht Pollini in seinen Konzerten die Reibung zwischen dem traditionellen Repertoire von Bach, Mozart, Beethoven, Debussy oder Schumann und der Avantgarde von Schönberg über Nono und Stockhausen bis hin zu Boulez, Lachenmann oder Sciarrino.

In von ihm selbst programmierten Konzertreihen wie dem „Progetto Pollini“ bei den Salzburger Festspielen hat er seine Überzeugung auch dramaturgisch fruchtbar werden lassen.

Lernbegiergig und entwicklungsfähig

Lernbegierig und neugierig hat sich Pollini auch auf dem Zenit seiner Laufbahn stets noch einmal weiterentwickelt. Seine Beschäftigung mit Bachs Wohltemperierten Klavier, das er 2009 mit einer melodischen Klarheit und konstruktiven Logik sondergleichen einspielte, ließ auch seinem Chopin-Spiel plötzlich eine neue Freiheit des Ausdrucks zuwachsen.

Beethovens drei letzte Sonaten hat er 2019 in einem Konzert im Münchner Herkulessaal noch einmal neu durchdrungen. Heute feiert Maurizio Pollini seinen 80. Geburtstag.

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