Eigenproduktion der Sängerin, Dichterin und Komponistin Marie Kalkun Archaische Schönheit

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CD-Tipp vom 22.6.2018

„In meiner eigenen Sprache, mit dieser meiner Zunge, will ich dir sagen, dass ich dich in meinem Herzen trage: Wald, Mutter, Land, Vater” – das singt Mari Kalkun im ersten Lied ihrer dritten Solo-CD Ilmamõtsan. Mari Kalkun stammt aus dem Süden Estlands, dem Gebiet rund um die Stadt Võru. Hier spricht man einen ausgeprägten südestnischen Dialekt, den manche sogar als eigene finno-ugrische Sprache ansehen, die vom Nordestnischen so gut wie gar nicht beeinflusst sei. Der Stolz auf die eigene, kleine Sprache geht bei dieser jungen Sängerin, Dichterin und Komponistin einher mit der genauen Kenntnis der Folklore und einer ehrlichen Beobachtung der politischen und demografischen Probleme ihrer Umgebung.

Ethnologische Poesie

Estland, das gerade den hundertsten Jahrestag seiner ersten Unabhängigkeitserklärung feiert und als Vorreiter der Digitalisierung mit seinem elektronischen Staat gilt, kämpft mit einem großen Problem: der Abwanderung der Jugend. Eines der erschütterndsten Lieder auf der CD von Mari Kalkun ist die Klage einer Mutter darüber, dass die Tochter das Dorf verlässt. Mari Kalkun verwendet hierbei archaische Formeln aus dörflichen Gesängen bei Übergangsriten. Diese ethnologische Genauigkeit verbindet sie mit Poesie: Eigener Text, eigene Melodien überlagern die dichte Beschreibung rituellen Singens. Zugleich ist das Verfahren der Mehrspuraufnahme modern und technikfreundlich. Ideologiefrei, ohne Vorurteile, werden hier dringliche Lebensfragen gestellt, und zwar so, dass die Technik hilft, die Schönheit archaischer Formen leuchten zu lassen. Linnaitk heißt die Klage einer Mutter über die Abwanderung der Tochter und das Sterben der Dörfer ist Südestland, gedichtet, komponiert, gesungen von Mari Kalkun.

Im Wald der Welt

Ilmamõtsan heißt ihre CD, was man übersetzen kann mit „Im Wald der Welt”. Sie kam als Eigenproduktion der Künstlerin auf den deutschen Markt, im vergangenen Monat sogar auf Vinyl. In einem Fall verwendet Mari Kalkun ein Gedicht von Juri Wella, einem Umweltschützer und Dichter aus dem westsibirischen Nomadenvolk der Nenzen. Diese Nenzen leben, zumeist als Rentierhirten, auf der riesigen Halbinsel Jamal, im Nordwesten Sibiriens, dort, wo der Fluss Ob in die eisige Karasee mündet. Das Gedicht Ngadei! ist eine schüchtern-zarte Liebeserklärung: „Wenn ich nur ein Regentropfen werden könnte, um über dein Augenlid zu rinnen, Ngadei! Ngadei! Wenn ich nur eine Schneeflocke werden könnte, um im Kragen deines Pelzmantels zu sitzen, voller Angst, deinen warmen Nacken zu berühren, Ngadei! Ngadei! Aber wenn du auf dem Rentierschlitten fliegst und das Schneefeld für dich singt, wäre ich gern das Lächeln auf deinem Gesicht”. Mari Kalkun singt und begleitet sich selbst auf der Kanel, einer Brettzither ostseefinnischer Stämme. Die estnische Sängerin schließt ihre neue CD Ilmamõtsan sehr fröhlich mit einem Geburtstagslied für Mari Kalkuns kleine Tochter Linda: „Hüppä üles-alla”. Das heißt genau das, was Sie jetzt denken: „Hüpfe hoch und runter, du hast Geburtstag, Süße! Flieg, Linda, flieg!”.

CD-Tipp vom 22.6.2018 aus der Sendung Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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