Musikthema

Marcel Proust und die Musik

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AUTOR/IN
Bernd Künzig

Vor einhundert Jahren, am 18. November 1922 ist Marcel Proust in Paris gestorben. Jacques Rivière, der Redakteur des „Figaro“ erfährt mit folgenden Worten vom Tod des Autors: „Ich sehe es als meine Pflicht an, Sie darüber zu informieren, dass unsere teurer Marcel Proust heute Abend um halb sechs Uhr verstorben ist.“ Es sind die Worte eines Musikers, dem Proust bis zu seinem Lebensende verbunden war. Es war nicht zuletzt eine enge Verbindung mit der Welt der Musik, die in seinem Leben und Schreiben eine bedeutende Rolle spielt, an die wir aus Anlass des 100. Todestags erinnern möchten.

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Sieben Romane auf dem Sterbebett

Als Marcel Proust am 18. November 1922 stirbt, ist es ein Komponist, der einer „respektvoll erschütterten Welt“ die Todesnachricht bekannt gibt. Reynaldo Hahn ist der wohl engste Vertraute des Autors geblieben. Nur zwei Jahre, von 1894 bis 1896, dauert die Liebesbeziehung der beiden.

In seinen letzten Jahren zieht sich Proust in ein mit Korktapeten schallisoliertes Zimmer zurück, verlässt kaum das Bett und schreibt an seinem Opus Magnum, an der „Recherche du temps perdu / Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, ein gewaltiges, sieben Romane umfassendes Porträt der längst untergegangen Epoche der Pariser Salons.

Binchnibuls, Binibusl, Bunchtbuls, Cormouls

In dieser Zeit ist Hahn sein Draht zur Außenwelt, er informiert ihn über Ausstellungen, Konzert- und Opernaufführungen. Proust überschüttet ihn in ihrem hinreißend, sprachwitzigen Briefwechsel mit Kosenamen wie Binchnibuls, Binibusl, Bunchtbuls oder Cormouls. Über Hahns Walzerzyklus „Le Ruban dénoué“ für zwei Klaviere, schreibt ihm Proust am 13. November 1915:

„Reynaldo, ich kann Ihnen nicht im Detail schreiben, da ich ein wenig kranksch bin, wie trotz meiner großen Kennerschaft die Vereinigung der Reinheit Rimskys mit der Tiefe des alten Tauben eines der kleinen Wunder Ihres Walzers ist“.

Die Verbindung zur Musik

Der musikalisch gebildete Proust – mit seiner Mutter spielt er vierhändig Klavier – schreibt hier von der Vereinigung Rimsky-Korsakows mit Beethoven. Der Russe ist Dank der Gastspiele der Ballets russes in Paris ein geschätzter Komponist und „Der taube Alte / Le Vieux Sourd“ ist kein anderer als Beethoven.

Prousts Lieblingskomponist Claude Debussy belegt den titanischen Klassiker mit diesem Spottnamen. Bei Proust ist es hingegen ein Kosename. Kaum einen Komponisten verehrt Proust so sehr wie Beethoven. In seinem epochalen Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ werden Aufführungen von Beethovens späten Streichquartetten in den großen Pariser Salons des ausgehenden 19. Jahrhunderts wiederholt erwähnt.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

„Die letzten Quartette von Beethoven haben fünfzig Jahre gebraucht, um sich ein ständig wachsendes Publikum zu formen; sie haben wie alle Meisterwerke einen Fortschritt wenn nicht in der Qualität der Künstler, so jedenfalls in der Gesell­schaft der Geister zuwege gebracht, besteht doch diese heute weithin aus Individuen, die noch unauffindbar waren, als das Werk erschien, aus Wesen, die befähigt sind, eben dies Werk zu lieben. Daher muss der Künstler - so wie es Vinteuil tat - wenn er will, dass sein Werk seinen Weg macht, es da, wo er genügend Tiefe vermutet, aussetzen und in eine ferne, reicher erfüllte Zukunft hinüberschiffen lassen.“ bemerkt Proust in seinem Roman.

Vinteuil – das ist jenes von Proust erfundene Komponistengenie des Romanzyklus. In dessen Fiktion vereinen sich Camille Saint-Saens, Gabriel Fauré, César Franck und Claude Debussy; nicht alle mögen ihn. Einige der Figuren zieht es mehr zur beschwingten Musik von Daniel-Francois-Esprit Auber und sie besuchen lieber die leichtfüßige Opéra comique als den Salon der vertieften Kammermusik. Musik ist für Proust ein Distinktionsmerkmal und die adlige Gesellschaft der Pariser Salons besitzt für ihn nun mal nicht den allerbesten Geschmack.

Die Paris Oper direkt am Bett

Proust selbst hingegen bleibt dem umstrittenen Avantgardisten Debussy auch nach dem Rückzug ins schallisolierte Zimmer verbunden. Von der Pariser Oper lässt er sich eine Telefonverbindung ans Bett legen, damit kann er seiner Lieblingsoper „Pelléas et Mélisande“ lauschen. Zwar in Telefonqualität, aber Hauptsache Debussys Meisterwerk.

Musik ist für Proust eine flüchtige Kunst, wie der Geschmack der in den Tee getauchten Madeleine seines Romanwerks. Dieser „Roman fleuve“, der Roman als „Fluss ohne Ufer“, trägt bereits einen der Musik entsprechenden Titel: „A la recherche du temps perdu / Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.“ Denn Musik ist vergehende Zeit. Und schon gleich zu Beginn, nach den ersten berühmten Sätzen über den früh zu Bett Gegangen heißt es:

„Im Schlafe hatte ich unaufhörlich über das Gelesene weiter nachgedacht, aber meine Überlegungen waren seltsame Wege gegangen; es kam mir so vor, als sei ich selbst, wovon das Buch handelte: eine Kirche, ein Quartett.“

Ein gewaltiges Konversationsstück wie die letzten Streichquartette Beethovens

Er selbst, der Autor und Ich-Erzähler, verkörpert also das Quartett. Das Buch wird zu einem ebensolchen und umgekehrt. Die Vielstimmigkeit ist Konzept des gewaltigen Romanunterfangens, als würde Proust ausgerechnet den bekannten Worten Goethes über das Streichquartett als einer Unterhaltung vernünftiger Leute folgen wollen.

Und so ist diese „Recherche“ selbst mit musikalischen Gestaltungsmitteln gebaut: ein gewaltiges Konversationsstück wie die letzten Streichquartette Beethovens, kontrapunktisch verschachtelt wie eine große Fuge, von Leitmotiven durchzogen wie die von Proust so geschätzte „Ring“-Tetralogie Wagners, ein akustisches Ereignis des inneren Ohres, wo Sprache nicht nur Erzählung ist, sondern selbst Klang wird.

Literatur Die Kraft der Erinnerung – Zum 100. Todestag von Marcel Proust

Vor 100 Jahren, am 18. November 1922, starb Marcel Proust. Sein siebenbändiger Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gilt als Schlüsselwerk für die Romanliteratur des 20. Jahrhunderts.  mehr...

Musikmarkt: Buch-Tipp Über Marcel Proust und Reynaldo Hahn - Lorenza Foschini: „Und der Wind weht durch unsere Seelen“

Bekannt ist er vor allem als Schriftsteller, doch seine Liebe galt ein Leben lang auch der Musik. Am 10. Juli 2021 wäre Marcel Proust 150 Jahre alt geworden.
Wesentlich zu seinen Musikkenntnissen beigetragen hat der Komponist Reynaldo Hahn – doch beide verband nicht nur eine Leidenschaft für die Musik, sondern auch füreinander.
Die italienische Autorin Lorenza Foschini erzählt in ihrem neuen Buch eine Geschichte von Glück, Eifersucht und Verzicht.
Christoph Vratz hat den neuen Band gelesen.
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SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Abendkonzert SWR2 Abendkonzert vom 14.11.2022. Bruchsaler Schlosskonzert zum 100. Todestag von Marcel Proust

"À la recherche du temps perdu" - Ein Abend zu Ehren von Marcel Proust (1871 - 1922)
Heikko Deutschmann (Rezitation)
Ulf Schneider (Violine)
Jan Philip Schulze (Klavier)
Reynaldo Hahn:
Romance A-Dur (1901)
Lili Boulanger:
Nocturne und Cortège (1911)
Olivier Messiaen:
Thème et Variations (1932)
Camille Saint-Saens:
Sonate d-Moll op. 75 Nr. 1
Erik Satie:
Choses vues à droite et à gauche (sans lunette)
Claude Debussy:
Violinsonate Intermède: Fantasque et léger (1916-17)
Camille Saint-Saens:
Violinsonate d-Moll op. 75 Nr. 1
Lesung der Texte von Marcel Proust: Die Madeleine-Episode, Ein Hauskonzert bei Madame Verdurin, Gedanken über das Böse, Die kleine Melodie aus der Sonate von Vinteuil.
(Konzert vom 7. Oktober 2022 im Kammermusiksaal des Bruchsaler Schlosses)  mehr...

SWR2 Abendkonzert SWR2

Musikstück der Woche Beethoven, Ludwig van: Streichquartett f-Moll op. 95, gespielt vom Minetti Quartett

Jetzt wird’s ernst – denn Beethoven hat mit diesem Quartett in der Weltschmerz-Tonart f-Moll eine klingende Enzyklopädie der Seelenfinsternis geschrieben. Wahrscheinlich aus tiefem Liebeskummer heraus. Aber wenn Beethoven komponiert, kann selbst Schmerz schön sein!  mehr...

SWR2 Musikstück der Woche SWR2

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Bernd Künzig