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Der Teil-Lockdown im November betrifft vor allem die Freizeit. Dazu gehört, nach Definition der Bundesregierung, auch der komplette Kulturbereich. Die Kultur sei aber nicht einfach irgend eine Freizeitaktivität, sagt Marc Grandmontagne, Direktor des Deutschen Bühnenvereins. Die Politik sollte an einer langfristigen Planung für einen offenen Kulturbetrieb in der Pandemie arbeiten, so Grandmontagne im Gespräch.

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Schon am ersten Tag des zweiten Lockdowns (2. November 2020) protestieren Künstler*innen und Kulturschaffende gegen die harten Maßnahmen für die Bekämpfung der Pandemie. Darunter ist auch das Bündnis der Veranstaltungswirtschaft „Alarmstufe Rot“ mit „Beiträgen der Stille“, welches auf die finanzielle Notlage der Kulturschaffenden aufmerksam machen will.

Die Investition in Hygiene-Konzepte hat sich nicht ausgezahlt

Der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne sieht zwar auch die Kultur in der Verantwortung bei der Bekämpfung der Pandemie. Es sei aber schade, dass die Zeit und Energie, die Kultureinrichtungen in die Erarbeitung von Hygiene-Konzepten gesteckt hätten, nicht die Politik davon überzeugen konnte, Theater als sichere Orte offen zu lassen. War es aber nicht naiv, zu glauben, dass die Kultur offen bleibt, wenn die Menschen, ihre Kontakte reduzieren sollen?

Auch wenn die Kultur zu optimistisch gewesen sei, sollte man die Hoffnung auch in einer schweren Krise beibehalten, findet Grandmontagne. Es sei jetzt aber Zeit, sich der Realität zu stellen. Und diese sähe nicht gut aus. Der Direktor des Deutschen Bühnenvereins rechnet damit, dass die Pandemie noch lange bestehe und mit weiteren Lockdowns zu rechnen sei. Deswegen sei es jetzt wichtig, Lösungen zu finden, wie auch kulturelles Leben in der Pandemie möglich sein kann.

Lösungen für weitere Lockdowns

„Es kann nicht sein, dass immer, wenn die Zahlen hoch gehen, nur die Geschäfte offen bleiben und alle anderen müssen zu machen. Die Schäden an der Gesellschaft sind einfach enorm. Das macht auch etwas mit einer Gesellschaft, die sozusagen unter Misstrauen gestellt wird, bei allen Punkten, die soziales Miteinander betreffen."

Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins

Aber wie schlimm können vier Wochen Lockdown für die Kultur schon sein? Marc Grandmontagne befürchtet nicht nur verheerende Folgen für die kleinen, privaten Kulturbetriebe, sondern auch für die großen Institutionen und das gesamte Kulturleben in Deutschland. Private Theater seien darauf angewiesen, einen laufenden Betrieb zu haben, um überhaupt Förderung in der Krise erhalten zu können. Diese Grundvoraussetzung sei im Lockdown nicht gegeben. So müsste man damit rechnen, dass einige Einrichtungen auch permanent schließen würden.

Langfristige Schäden auch für große Institutionen denkbar

Bei großen Kulturinstitutionen seien langfristige Folgen zu befürchten. Die Haushaltsdefizite, die derzeit eingefahren werden, müssten nämlich später kompensiert werden. Da aber Kulturfinanzierung auf kommunaler Ebene eine freiwillige Leistung ist, befürchtet Grandmontagne „schlimme Debatten" und große Schäden, die später auf uns zukommen würden.

„Die kulturelle Landschaft in Deutschland ist sehr reichhaltig und dicht. Sie ist aber auch fragil und verletzlich. Wenn ein Betrieb nicht mehr produzieren und spielen kann, geht es betriebswirtschaftlich ans Eingemachte."

Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins

Deswegen sei es jetzt wichtig, mit der Politik zusammen, langfristige Strategien zu erarbeiten, damit Kultureinrichtungen auch während der Pandemie unter bestimmten Sicherheits- und Hygienemaßnahmen weiter im Betrieb bleiben können. Schließlich sei Kultur nicht einfach irgendeine Freizeitaktivität, sondern gehöre zum Fundament der Gesellschaft, so Grandmontagne.

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